(20.07.10) In diesen Tagen winken die Rundfunk- und Fernsehräte die Drei-Stufen-Tests für den Internetauftritt von ARD und ZDF durch, und die Komödie endet vorhersehbar wie ein Degeto-Film. Ein paar kleine Veränderungen gibt es wohl noch hinsichtlich der Verweildauer fiktionaler Produktionen, gar keine Änderungen hingegen gibt es bei allen dokumentarischen Programmen: sie sollen auf unbestimmte Zeit im Internet abrufbar bleiben.
Völlig offen bleibt dabei, wie die Sender sich die Bezahlung der anfallenden Urheber- und Produzentenrechte vorstellen. Denn in den Finanzierungskonzepten der öffentlich-rechtlichen online-Aktivitäten werden die "Rechte-Kosten" durchgehend zu niedrig angegeben. Trotz vereinzelter kritischer Nachfragen haben sich die Rundfunkräte in dieser Frage offenbar der Lesart der Sender gebeugt. Die Internet-Rechte, so wird behauptet, seien ja bereits mit der Erstvergütung abgegolten.
Wenn überhaupt, stimmt das allenfalls für tarifgebundene Mitarbeiter der Rundfunkanstalten. Für die zahllosen frei produzierten Filme und Auftragsproduktionen stimmt es jedenfalls nicht. Im Gegenteil: für viele Fernseh-Filme zahlen die Sender inzwischen nur noch einen Bruchteil der tatsächlichen Herstellungskosten - von einer Vergütung für die zahlreichen zusätzlichen Nutzungen - auch im Internet- kann keine Rede sein. Vor diesem Hintergrund entlarvt sich die populistische Behauptung, das Fernseh-Programm sei ja sowieso schon bezahlt und könne deshalb auch grenzenlos zugänglich gemacht werden, als Ammenmärchen.
Mit der Freigabe der Telemedien-Konzepte erteilen die Aufsichts-Gremien einem Rechte-Raub in großem Stil die Absolution. Offenbar wissen sie ganz genau, dass die öffentlich-rechtlichen Abrufdienste nur unter schonungsloser Ausbeutung des kreativen Potentials der Film- und Fernsehwirtschaft funktionieren können. Denn für ihre ehrgeizigen Internet-Pläne bekommen die Sender in der laufenden Gebührenperiode auf der Einnahmenseite bekanntlich keinen zusätzlichen Cent. Alles muss aus dem Bestand -sprich: aus dem laufenden Programm heraus finanziert werden. Bereits der im Dezember 2009 veröffentlichte KEF-Bericht kritisiert, dass darunter das gesamte Programm leidet. Schon jetzt rollen beispiellose Einsparungswellen durch die öffentlich-rechtlichen Sender. Und wo wird gespart? Etwa am Besitzstand des eigenen, gigantomanisch aufgeblähten Personalbestands? Etwa bei der absurd überzogenen Altersversorgung des Stammpersonals, die Jahr für Jahr dreistellige Millionenbeträge aus dem laufenden Gebührenaufkommen verschlingt? Etwa bei den Sport-Rechten, die seit Jahren den größten Teil der Programm-Budgets auffressen?
Nein. Die Ausbreitung öffentlich-rechtlicher Programme ins Internet trifft besonders diejenigen, die im deutschen Medienbetrieb schon seit Jahren am miserabelsten bezahlt werden: die nicht tarifgebunden freien Mitarbeiter, die Auftragsproduzenten - und immer wieder die Autoren, Regisseure und Produzenten von Dokumentarfilmen und Dokumentationen. Ein Genre, das mit den Qualitäts-Kriterien Information, Bildung und Kultur im Zentrum des öffentlich-rechtlichen Funktions-Auftrags steht, ein Genre, das für die inhaltliche und kreative Vielfalt des gebührenfinanzierten Fernsehens unverzichtbar ist, wird finanziell ausgetrocknet und damit systematisch ruiniert:
Dabei fehlt es den Sendern offenbar nicht an Geld - allein die Verfahren der drei Stufen-Tests haben dem Vernehmen nach mehr als zehn Millionen Euro gekostet. In Sendeminuten umgerechnet, hätten wir dafür ziemlich genau 39 Stunden Günter Jauch bekommen.
Oder, wenn wir die erbärmlichen Summen, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen derzeit dafür aufwendet, zugrunde legen: 300 bis 400 Stunden aufwändig produziertes, intelligentes, vielfach preisgekröntes Dokumentarfilm-Programm.
Schon dieses einfache Rechenbeispiel zeigt: hier ist eine Schieflage entstanden, die dringend korrigiert werden muss.
AG DOK kritisiert Ergebnis der 3-Stufen-Tests
(20.07.10) In diesen Tagen winken die Rundfunk- und Fernsehräte die Drei-Stufen-Tests für den Internetauftritt von ARD und ZDF durch, und die Komödie endet vorhersehbar wie ein Degeto-Film. Ein paar kleine Veränderungen gibt es wohl noch hinsichtlich der Verweildauer fiktionaler Produktionen, gar keine Änderungen hingegen gibt es bei allen dokumentarischen Programmen: sie sollen auf unbestimmte Zeit im Internet abrufbar bleiben.
Völlig offen bleibt dabei, wie die Sender sich die Bezahlung...
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Rechte-Vergütung: Fehlanzeige! Öffentlich-rechtliches Internet auf Kosten von Urhebern und Produzenten
AG DOK kritisiert Ergebnis der 3-Stufen-Tests
AG DOK-Broschüre beschreibt den internationalen Dokumentarfilm-Markt
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(14.06.10) "Wegweiser Weltvertrieb": schon der Titel verortet die neue Broschüre der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm als praxisorientierten Ratgeber: auf mehr als 100 Seiten in handlichem Format, zum Teil mit Listen, Tabellen und Grafiken veranschaulicht, will sie deutschen Dokumentarfilm-Produzenten bei der Erkundung eines nach wie vor nur teilweise erschlossenen Terrains helfen. Denn die erkennbare Strategie deutscher Fernseh-Sender, sich aus der Vollfinanzierung dokumentarischer Programme...
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Orientierungshilfe in schwierigem Gelände
AG DOK-Broschüre beschreibt den internationalen Dokumentarfilm-Markt
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(14.06.10) "Wegweiser Weltvertrieb": schon der Titel verortet die neue Broschüre der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm als praxisorientierten Ratgeber: auf mehr als 100 Seiten in handlichem Format, zum Teil mit Listen, Tabellen und Grafiken veranschaulicht, will sie deutschen Dokumentarfilm-Produzenten bei der Erkundung eines nach wie vor nur teilweise erschlossenen Terrains helfen. Denn die erkennbare Strategie deutscher Fernseh-Sender, sich aus der Vollfinanzierung dokumentarischer Programme zurückzuziehen, zwingt immer mehr Produzenten dazu, sich nach anderen Einnahmequellen umzusehen. In dieser Situation erscheint der Weltmarkt vielen als ein möglicher Ausweg.
Aber ist er das wirklich? Wie und wo präsentiere ich mein Programm am effektivsten? Was muss ich dafür investieren? Welche Rechte sind vorab zu klären? Wie sollte der Vertrag mit dem ausländischen Partner aussehen? Und, nicht zu vergessen: Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt?
Jörg Langer, einst selbst Mitinhaber eines Weltvertriebs, Produzent und seit zehn Jahren verantwortlicher Koordinator für die Auslandsaktivitäten der AG Dokumentarfilm, hat sich gemeinsam mit weiteren Experten der Beantwortung dieser Fragen angenommen, und die so entstandene Bestandsaufnahme kann sicher dazu beitragen, überzogene Erwartungen auf ein realistisches Maß zurückzustutzen. Denn trotz seines immensen Programmhungers schluckt und verdaut der Weltmarkt bei weitem nicht alles, was deutsche Dokumentarfilm-Manufakturen ihm anbieten. Rund 1000 Filmangebote lehne sie Jahr für Jahr ab, weil sie nur für den eigenen und nicht für einen internationalen Markt gemacht sind, sagt die Chefin einer bekannten Vertriebsagentur im Interview mit dem Verfasser, und ein Kollege ergänzt, dass achtzig Prozent seiner Umsätze auf ganze fünf Prozent seines Film-Angebots entfallen.
Und doch will der "Wegweiser Weltvertrieb" seine Leser nicht entmutigen – im Gegenteil. Mit einer bemerkenswerten Informationsfülle, präzise beschrieben und für Branchenkenner verständlich aufbereitet, zielt dieser Crash-Kurs in Sachen Marketing ja gerade darauf, deutsche Produzenten vor Irrwegen in der umtriebigen Welt der Programm-Messen zu bewahren. Von der elementaren Frage nach den formalen und technischen Voraussetzungen, die einen Film überhaupt erst weltmarkttauglich machen, über die inhaltlichen Vorlieben internationaler Fernsehanstalten, die Formen der Zusammenarbeit mit ausländischen Sendern und Vertriebs-Organisationen bis zur Betrachtung kniffliger Steuerprobleme arbeitet sich die Broschüre Schritt für Schritt an nahezu alle möglichen Unwägbarkeiten heran. Fragen der Vertragsgestaltung mit ausländischen Partnern fehlen ebenso wenig wie die Betrachtung denkbarer Konfliktpotentiale im sensiblen Verhältnis zwischen Produzent und Vertrieb. Erfahrungsberichte, Hinweise zu den Vor- und Nachteilen weltweiter Internet-Vermarktung. und ein Service-Teil mit Vertriebs-Adressen, Messe-Kalender und marktüblichen Lizenzpreisen runden das Themenspektrum der Broschüre ab.
Nicht nur die vorformulierten Fragen, sondern auch die Antworten folgen dem praktischen Bedürfnis der Branche und bündeln hoch spezialisiertes Fachwissen in einer Dosierung, aus der selbst Profis noch etwas lernen können. Und zwar zum Null-Tarif - Dank der finanziellen Unterstützung durch die Service- und Marketing-Organisation "German Films" kann der "Wegweiser Weltvertrieb" kostenlos bezogen werden. Schriftliche Bestellungen nimmt die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm / AG DOK, Schweizer Straße 6, 60594 Frankfurt/Main, E-Mail agdok@agdok.de gerne entgegen.
Aber ist er das wirklich? Wie und wo präsentiere ich mein Programm am effektivsten? Was muss ich dafür investieren? Welche Rechte sind vorab zu klären? Wie sollte der Vertrag mit dem ausländischen Partner aussehen? Und, nicht zu vergessen: Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt?
Jörg Langer, einst selbst Mitinhaber eines Weltvertriebs, Produzent und seit zehn Jahren verantwortlicher Koordinator für die Auslandsaktivitäten der AG Dokumentarfilm, hat sich gemeinsam mit weiteren Experten der Beantwortung dieser Fragen angenommen, und die so entstandene Bestandsaufnahme kann sicher dazu beitragen, überzogene Erwartungen auf ein realistisches Maß zurückzustutzen. Denn trotz seines immensen Programmhungers schluckt und verdaut der Weltmarkt bei weitem nicht alles, was deutsche Dokumentarfilm-Manufakturen ihm anbieten. Rund 1000 Filmangebote lehne sie Jahr für Jahr ab, weil sie nur für den eigenen und nicht für einen internationalen Markt gemacht sind, sagt die Chefin einer bekannten Vertriebsagentur im Interview mit dem Verfasser, und ein Kollege ergänzt, dass achtzig Prozent seiner Umsätze auf ganze fünf Prozent seines Film-Angebots entfallen.
Und doch will der "Wegweiser Weltvertrieb" seine Leser nicht entmutigen – im Gegenteil. Mit einer bemerkenswerten Informationsfülle, präzise beschrieben und für Branchenkenner verständlich aufbereitet, zielt dieser Crash-Kurs in Sachen Marketing ja gerade darauf, deutsche Produzenten vor Irrwegen in der umtriebigen Welt der Programm-Messen zu bewahren. Von der elementaren Frage nach den formalen und technischen Voraussetzungen, die einen Film überhaupt erst weltmarkttauglich machen, über die inhaltlichen Vorlieben internationaler Fernsehanstalten, die Formen der Zusammenarbeit mit ausländischen Sendern und Vertriebs-Organisationen bis zur Betrachtung kniffliger Steuerprobleme arbeitet sich die Broschüre Schritt für Schritt an nahezu alle möglichen Unwägbarkeiten heran. Fragen der Vertragsgestaltung mit ausländischen Partnern fehlen ebenso wenig wie die Betrachtung denkbarer Konfliktpotentiale im sensiblen Verhältnis zwischen Produzent und Vertrieb. Erfahrungsberichte, Hinweise zu den Vor- und Nachteilen weltweiter Internet-Vermarktung. und ein Service-Teil mit Vertriebs-Adressen, Messe-Kalender und marktüblichen Lizenzpreisen runden das Themenspektrum der Broschüre ab.
Nicht nur die vorformulierten Fragen, sondern auch die Antworten folgen dem praktischen Bedürfnis der Branche und bündeln hoch spezialisiertes Fachwissen in einer Dosierung, aus der selbst Profis noch etwas lernen können. Und zwar zum Null-Tarif - Dank der finanziellen Unterstützung durch die Service- und Marketing-Organisation "German Films" kann der "Wegweiser Weltvertrieb" kostenlos bezogen werden. Schriftliche Bestellungen nimmt die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm / AG DOK, Schweizer Straße 6, 60594 Frankfurt/Main, E-Mail agdok@agdok.de gerne entgegen.
neue Mitglieder im ersten Halbjahr 2010
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(c) 2010 Margarete Fuchs
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(11.07.10) Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm ist mit 870 Mitgliedern (Stand 01.07.10) der größte Berufsverband fernsehunabhängiger Autoren, Regisseure, Produzenten sowie Filmschffenden aus den Bereichen Kamera, Ton und Schnitt in Deutschland. Als film- und medienpolitische Lobby des Dokumentarfilms steht die AG DOK Vertretern aller Filmgenres offen und versteht sich als Netzwerk von aktiven Mitgliedern aus verschiedenen Berufsgruppen, die sich dem dokumentarischen Filmschaffen verpflichtet...
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AG DOK: ein starker Verband
neue Mitglieder im ersten Halbjahr 2010
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(c) 2010 Margarete Fuchs
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(11.07.10) Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm ist mit 870 Mitgliedern (Stand 01.07.10) der größte Berufsverband fernsehunabhängiger Autoren, Regisseure, Produzenten sowie Filmschffenden aus den Bereichen Kamera, Ton und Schnitt in Deutschland. Als film- und medienpolitische Lobby des Dokumentarfilms steht die AG DOK Vertretern aller Filmgenres offen und versteht sich als Netzwerk von aktiven Mitgliedern aus verschiedenen Berufsgruppen, die sich dem dokumentarischen Filmschaffen verpflichtet fühlen.
Unter den im ersten Halbjahr 2010 neu eingetretenen Mitgliedern begrüßen wir (in alphabetischer Reihenfolge):
Michelle Barbin , Sören Bauermeister , Birgit Baumgärtner , Boris Becker , Thomas Beckmann , Dagmar Biller , Annette Brüggemann , Thomas Doberitzsch , Anja Dreschke , Manfred Andrej Hagbeck , Dirk Hamm , Kay Hoffmann , Andreas Horn , Hartmut Idzko , Ines Janosch , Karoline Kantenwein , Marietta Kesting , Steph Ketelhut , Sarah Moll , Diana Näcke , Astrid Schult , Sabine Streckhardt , Ines Thomsen , Sibylle Trost , Burkhard von Harder , Rainer Wälde , Gudrun Weiler , Sabine Zimmer
Unter den im ersten Halbjahr 2010 neu eingetretenen Mitgliedern begrüßen wir (in alphabetischer Reihenfolge):
Michelle Barbin , Sören Bauermeister , Birgit Baumgärtner , Boris Becker , Thomas Beckmann , Dagmar Biller , Annette Brüggemann , Thomas Doberitzsch , Anja Dreschke , Manfred Andrej Hagbeck , Dirk Hamm , Kay Hoffmann , Andreas Horn , Hartmut Idzko , Ines Janosch , Karoline Kantenwein , Marietta Kesting , Steph Ketelhut , Sarah Moll , Diana Näcke , Astrid Schult , Sabine Streckhardt , Ines Thomsen , Sibylle Trost , Burkhard von Harder , Rainer Wälde , Gudrun Weiler , Sabine Zimmer
Realität oder Doktale? „DOKVILLE“ setzt sich ein spannendes Thema – und lädt nur die eine Seite ein.
von Eckart Lottmann
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(c) 2010 HDF/Pfisterer
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(13.07.10)
AG DOK Mitglied Eckart Lottmann beschreibt seine persönliche Sicht auf den Branchentreff der Dokumentarfilmer; der Artikel ist in der ursprünglichen Form in der taz online erschienen.:
„Im ZDF sieht man immer nur Mumien oder Monaco“, spottete Lutz Hachmeister. Der renommierte Medienwissenschaftler und Fernsehmacher hatte die „pole position“ der Tagung DOKVILLE, er hielt das erste Referat, das die Richtung weist. Oder weisen könnte. Hachmeister lästerte gekonnt über...
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Realität oder Doktale? „DOKVILLE“ setzt sich ein spannendes Thema – und lädt nur die eine Seite ein.
von Eckart Lottmann
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(c) 2010 HDF/Pfisterer
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(13.07.10)
AG DOK Mitglied Eckart Lottmann beschreibt seine persönliche Sicht auf den Branchentreff der Dokumentarfilmer; der Artikel ist in der ursprünglichen Form in der taz online erschienen.:
„Im ZDF sieht man immer nur Mumien oder Monaco“, spottete Lutz Hachmeister. Der renommierte Medienwissenschaftler und Fernsehmacher hatte die „pole position“ der Tagung DOKVILLE, er hielt das erste Referat, das die Richtung weist. Oder weisen könnte. Hachmeister lästerte gekonnt über das öffentlich-rechtliche Fernsehen: Es würde immer „infantiler“, „didaktischer“ und „provinzieller“. Es gebe eine „Abwendung breiter Zuschauerschichten“, doch hänge man trotzdem an den Einschaltquoten als nahezu einziges Kriterium der Erfolgsbewertung. Das sei aber eine „drogenartige Anklammerung“.
Eine ätzende Zustandsbeschreibung dokumentarischer Formen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war das. Nur logisch, dass im Fernsehen nach neuen, aufregenden, Zuschauer mehr ansprechenden Erzählformen gesucht wird. Das „Haus des Dokumentarfilms“, der Veranstalter von DOKVILLE, hatte auch griffig die Alternative formuliert: „Realität oder DokTale“ hieß es da, und im Untertitel: „Filmemacher auf Umwegen“. Doch wo waren sie, die Filmemacher auf Umwegen? Wo waren die Vertreter von „DokTale“, die Erfinder „neuer“ Erzählweisen, die Pioniere zuschauerfreundlicher Dokus?
Auf den Podien von DOKVILLE jedenfalls nicht.
Drei Filme wurden in Ausschnitten vorgeführt und mit ihren Machern diskutiert. Am ehesten „neu“ in der Filmsprache erschien der Dokumentarfilm „Lenin kam nur bis Lüdenscheidt“, ein Film, der es immerhin in die engere Auswahl zum „Deutschen Filmpreis“ geschafft hat. Der zentrale Protagonist des Films, der auch den Kommentar des Ich-Erzählers geschrieben und gesprochen hat, ist Richard David Precht. Das ist der, der hier nicht nur als „Philosoph“, sondern sogar als „Erfolgsphilosoph“ bezeichnet wird. „Höchst amüsant und mit wunderbar ironischer Distanz“ erzähle Precht über das Familienleben, das er als Kind von strikt links orientierten Eltern miterlebte. Man erinnert sich: Precht spricht im Film von kratzenden Sisalteppichen seiner Kindheit, und davon, wie komisch daneben die Versuche seiner Eltern waren, sozialistisch gleich „gut“ zu definieren und kapitalistisch gleich „schlecht“. Das Programmheft sagt, Precht erkläre „in Sendung-mit-der-Maus-Manier die 68er Generation und das Erwachsenwerden in ihr.“ Das musste man interessant finden, fanden jedenfalls die beiden eingeladenen Redakteurinnen Jutta Krug (WDR) und Gudrun Hanke-El Ghomri (SWR), die den Film maßgeblich mitfinanzierten. Auch der ebenfalls eingeladene Regisseur André Schäfer fand den Film gut. Freundliche Stichworte lieferte als Moderator Daniel Kothenschulte, seines Zeichens Filmkritiker der „Frankfurter Rundschau“.
Kein Problem war für die illustre Runde, dass der Film ausgiebig Filmmaterial zeigt, das sorgfältig in Super-8-Qualität inszeniert worden war. Eigentlich ein Unding für einen Dokumentarfilm, aber hier machte das nichts. Es sei ja immerhin der Sohn von Richard David Precht gewesen, der da gefilmt worden sei. Der könne doch glaubhaft den Richard David Precht als Dreijährigen spielen. Grobkörnig und verwackelt gibt sich das Filmmaterial alle Mühe, als authentisch gedreht zu erscheinen. Die Macher dazu: Man merke das doch spätestens am Ende des Films.
War das nun ein „Doktale“, oder war das die „Realität“? War das ein Umweg, der in Ordnung ist, oder einer, den man eher nicht will? Das blieb ungeklärt, der Film war aber wohl okay, denn die Redakteurinnen Krug und Hanke-El Ghomri sind für viele interessante Dokumentarfilme verantwortlich.
Der zweite Film, der unter dem Label „Der politische Film“ lief, hieß „Der große Ausverkauf“, ausgezeichnet unter anderem mit dem „Adolf-Grimme-Preis“. Autor und Regisseur Florian Opitz zeigte ganz konkret an einzelnen Schicksalen, was es heißt, wenn Wasser und Strom, Gesundheit und Verkehr privatisiert werden. Auf vier Kontinenten findet Opitz seine Beispiele, und sie berühren wirklich. Mal kämpfen Menschen gegen diese Ausbeutung menschlicher Grundbedürfnisse an, mal haben sie mit ihrem individuellen Elend genug zu tun. Taz-Redakteurin Cristina Nord hatte den Film äußerst kritisch beurteilt. In der Taz schrieb sie unter dem Titel „Die Wirklichkeit ausbeuten“, dass Opitz keinen „Raum“ lasse für „eine ergebnisoffene Recherche und für Gespräche, die wirklich von Neugier angetrieben wären.“ Ihr Fazit: Opitz’ Bilder „erfüllen eine Funktion, indem sie eine zuvor schon existierende These untermauern.“ „Alle Tugenden des Dokumentarfilms“ träten „in den Hintergrund.“ Bei DOKVILLE konnte Cristina Nord im Gespräch mit Florian Opitz ihre Kritik vertreten und begründen. Das heißt, die Gelegenheit dazu gab es. Aber Cristina Nord überließ es Florian Opitz, ihre Kritik zu zitieren, und beschränkte sich mehr oder weniger aufs Fragenstellen. Ein Punktsieg für Opitz, der mit der Gelassenheit des guten Gewissens feststellte: „Wir haben vier Jahre an dem Film gearbeitet, und Frau Nord hatte vielleicht zwei Stunden für ihren Artikel.“
Damit war ein leidiges Thema angesprochen – der große zeitliche Aufwand für die Realisierung eines Dokumentarfilms auf der einen, das geringe Honorar und die schlechten Verträge dafür auf der anderen Seite. Thomas Frickel, Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“ (AG DOK), berichtete unter dem launigen Titel „Was soll der Verein“ über die Bemühungen der AG DOK, den Dokumentarfilmern bessere Produktionsmöglichkeiten zu verschaffen. Anhand einer Power-Point-Präsentation listete Frickel auf, was die AG DOK dafür unternimmt, und diese Leistungsschau konnte sich sehen lassen. Frickel erwähnte u.a. den Preis „Das Dicke Fell“, den die AG DOK jährlich an Fernseh-Redaktionen verleiht, die sich um den anspruchsvollen Dokumentarfilm verdient gemacht haben. Ist diese Preis-Vergabe vielleicht noch mit einem angenehmen öffentlichen Auftritt verbunden, so ist vieles, was die AG DOK und die sie unterstützenden Mitglieder unternehmen, schlicht harte Lobby-Arbeit. In vielen Gremien, die die Rechte-Auswertung, die Verteilung der durch Filme generierten Gelder und die Vergabe öffentlicher Förderungen regeln, sitzen Vertreter der AG DOK und lassen sich auch durch manchmal übermächtig erscheinende gegnerische Mehrheiten nicht unterkriegen. Fast 900 Mitglieder hat die AG DOK nunmehr bundesweit, und sie alle hoffen darauf, dass den AG DOK-Machern die Energie nicht ausgeht.
Hatte nun Florian Opitz so was wie „DokTale“ gemacht, oder doch einen Dokumentarfilm sozusagen „alter Schule“? Das war nun nicht genauer untersucht worden, aber vielleicht konnten ja die für das nächste Podium mit dem Titel „Dokumentarisch drehen“ eingeladenen Kameraleute Näheres über aktuelle Anforderungen und vielleicht sogar Zumutungen sagen. Montage-Professor Hans Beller befragte die Kameraleute Lars Barthel, Börres Weiffenbach, Gregor Theuss und Justus Pankau. Pankau, heute ein richtig alter Mann, sagte über die Autoren seiner ersten Schaffensphase: „Früher konnte man zugeben, dass man vom Bild nichts verstand.“ Heute, so mein Schluss, wohl nicht mehr. Heute gebe es die „Draufhalten-Filme“, so Pankau, man dokumentiere zwar etwas, aber gestalte nicht mehr. Damit war der Ton der Diskussion vorgegeben. Natürlich waren auch die anderen Kameraleute dafür, erst zu denken, und dann zu filmen. Lars Barthel gelang es, das Publikum ein bisschen träumen zu lassen. An jedem Drehtag gebe es „vielleicht einen, oder zwei ‚magische Momente’ – Momente, in denen sich etwas verdichtet. Poetische Momente.“ Die zu erkennen und in Film umzusetzen, sei die Kunst. Und dann versuchte er eine Ehrenrettung des Materials Film: Film lebe, aber Video bestehe nur aus Pixeln. Spätestens da fragte ich mich: Und was ist, wenn ich nun mal auf Video drehe? Ich werde vielleicht nie mit Film drehen! Und eine Teilnehmerin aus dem Publikum sagte schlicht: Viele schöne Filme würde es nicht geben, wenn es Video nicht gäbe. Video habe auch ein demokratisches Element – so könnten auch Amateure ihr Material zu einem Film beisteuern. Auch eine Denkmöglichkeit. Dass die Kameraleute nicht nur behutsame, neugierige, offene Dokumentarfilme drehen, sondern vielfach auch dokumentarische „Dutzendware“ unter großem ökonomischem Druck, sagten sie erst hinterher, unter vier Augen sozusagen. Und unter dieser dokumentarischen „Alltagsware“ sind auch in den Augen der Kameraleute durchaus einige, die etwas Wichtiges vermitteln.
„Neukölln unlimited“ war unter der Überschrift „Der sozialkritische Film“ das dritte filmische Beispiel. Wieder war ein Filmredakteur, Bernd Haasis von den „Stuttgarter Nachrichten“, der Moderator, wieder waren drei Macher des Films die Gesprächspartner auf dem Podium. Producerin Sonia Otto betonte die dokumentarische Qualität des Films. „Inszenierung“ sei hier der „falsche Begriff“, eher ginge es „ab und zu“ um „Initiierung“. Aber auch das mit Maßen. In „Neukölln unlimited“ geht es um eine von der Abschiebung bedrohte libanesische Familie, die es wohl schaffen wird, hierbleiben zu dürfen – denn zwei oder drei der erwachsen werdenden Kinder verdienen durch künstlerische Arbeit genügend Geld. Der jüngste Sohn, Maradona, gerät in kriminelle oder zumindest verdächtige Kreise. Doch die Filmemacher, so versichern sie, haben nicht darauf gehofft, dass er wirklich abdriftet: „Weil wir Menschen sind.“ Filmisch spannend wäre das schon gewesen, räumen sie ein. Aber sie hätten bei Maradona darauf hingewirkt, dass er sich zurückhält.
Da war sie wieder, die Chance, Abgrenzungen gegen allzu wohlfeile dokumentarische Filme zu formulieren. Aber Bernd Haasis blieb der milde Fragensteller, und Willi Reschl, der für DOKVILLE verantwortliche Geschäftsführer des „Haus des Dokumentarfilms“, konnte nur sagen: „Wir hätten natürlich jemanden einladen können von den privaten Sendern und ihn hier zum ‚Schlachten’ freigeben. Aber das wollten wir nicht!“ So konnten noch ein paar weitere Diskussionen stattfinden mit Cutterinnen und Dokumentarfilm-Regisseuren, die jeweils deutlich für den achtsamen Dokumentarfilm eintraten. Und kluge Dinge zu sagen wussten. Bloß was eigentlich der „Doktale“ ist, was man sich darunter vorstellen kann, und wieso er eine Gefahr für die „Realität“ darstellt, das erfuhr man nicht.
Der Fernsehsender ARTE bekam als einziger einen eigenen Programmplatz beim diesjährigen DOKVILLE. „ARTE – immer noch ein Eldorado für Dokumentaristen!“ hieß er, und auch das Ausrufezeichen stand so im Programm, in einer früheren Version war es noch ein Fragezeichen gewesen. Peter Gottschalk erinnerte zu Beginn seines Vortrags an Christian Bauer, der ein Jahr zuvor bei DOKVILLE seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte und bald darauf verstarb, mitten im Leben stehend. Christian Bauer war ein ruhiger, sympathischer Mensch, einer, den man mochte, und ein erfolgreicher Produzent dazu. So hatte Gottschalk leichtes Spiel, als er schließlich überleitete zu ARTE mit seinen vielen Plätzen für dokumentarische Filme. Auch Thomas Frickel, Vorsitzender der Dokumentarfilm-Vereinigung AG DOK, konnte Gottschalk mit seinem Einwurf („Der Quotendruck ist absurd“) nicht bremsen. „Wir brauchen gut laufende Fernsehprogramme, um auch die anderen, schwierigeren machen zu können“, sagte Gottschalk. Er ließ das neue Programmschema von ARTE verteilen, und das zeigte, dass ARTE viele Sorten dokumentarischer Filme im Programm hat. Wen wundert´s. Die anwesenden Macher von dokumentarischen Filmen mochten den ARTE-Vertreter nicht allzu hart angehen. ARTE und 3Sat, das sind die beiden Sender, mit denen noch so manches möglich ist. Ein Diskutant wies darauf hin, dass die Auswahl der Themen bei ARTE doch etwas schwierig sei – da solle man die Interessen des französischen Publikums mit denen der deutschen regionalen Filmförderungen zusamen bringen. Und das neue Sendeschema, das angeblich so viele dokumentarische Sendeplätze bereit hält – beruht es denn nun auf mehr Wiederholungen und Übernahmen, oder wird auch noch in nennenswerten Teilen neu produziert? Was ist mit dem Sendeplatz „Popkultur“? Wenn „Popkultur“ von den Verantwortlichen als „Massenphänomen“ definiert wird – schließt dass dann alle neuen Kultur-Ansätze aus, eben weil sie es noch nicht geschafft haben, die breiten Massen zu erreichen? Müsste man dann den Sendeplatz nicht eher „Mainstream“ nennen?
Und, wie sehen sie aus, die neuen dokumentarischen Formen? Darum ging es nicht, dieses Jahr in DOKVILLE. Erst nächstes Jahr wird in DOKVILLE wieder der „Deutsche Dokumentarfilmpreis“ verliehen, der Preis, der bis vor kurzem „Baden-Württembergischer Dokumentarfilmpreis“ hieß. Dann gibt es was zu gewinnen, dann geht es um was. Diesmal blieb man so mehr unter sich, unter denjenigen, die für das Wahre, das Echte eintreten. Die Moderatoren waren hochachtungsvoll, und vergaßen ein bisschen, wofür sie da sind: Um kritische Fragen zu stellen. Die Diskussion in Gang zu bringen. In der Branche gibt es nämlich noch andere Auffassungen über das dokumentarische Erzählen. Mit einer Berechtigung, über die man streiten könnte. Aber um sie zu präsentieren, hätte man sie halt einladen müssen.
DOKVILLE wird vom Stuttgarter „Haus des Dokumentarfilms“ veranstaltet. Dieses Jahr trafen sich vom 17. bis 18. Juni 2010 etwa 150 Teilnehmer in Ludwigsburg, vor allem aus der Branche von Film- und Fernsehmachern unterschiedlicher Profession, mit Referenten, die aus den Bereichen Kamera, Regie, Montage und Produktion sowie aus den Dozentenkreisen der Filmhochschulen kamen. Eckart Lottmann ist Fernsehautor und Journalist aus Berlin.
AG DOK Mitglied Eckart Lottmann beschreibt seine persönliche Sicht auf den Branchentreff der Dokumentarfilmer; der Artikel ist in der ursprünglichen Form in der taz online erschienen.:
„Im ZDF sieht man immer nur Mumien oder Monaco“, spottete Lutz Hachmeister. Der renommierte Medienwissenschaftler und Fernsehmacher hatte die „pole position“ der Tagung DOKVILLE, er hielt das erste Referat, das die Richtung weist. Oder weisen könnte. Hachmeister lästerte gekonnt über das öffentlich-rechtliche Fernsehen: Es würde immer „infantiler“, „didaktischer“ und „provinzieller“. Es gebe eine „Abwendung breiter Zuschauerschichten“, doch hänge man trotzdem an den Einschaltquoten als nahezu einziges Kriterium der Erfolgsbewertung. Das sei aber eine „drogenartige Anklammerung“.
Eine ätzende Zustandsbeschreibung dokumentarischer Formen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war das. Nur logisch, dass im Fernsehen nach neuen, aufregenden, Zuschauer mehr ansprechenden Erzählformen gesucht wird. Das „Haus des Dokumentarfilms“, der Veranstalter von DOKVILLE, hatte auch griffig die Alternative formuliert: „Realität oder DokTale“ hieß es da, und im Untertitel: „Filmemacher auf Umwegen“. Doch wo waren sie, die Filmemacher auf Umwegen? Wo waren die Vertreter von „DokTale“, die Erfinder „neuer“ Erzählweisen, die Pioniere zuschauerfreundlicher Dokus?
Auf den Podien von DOKVILLE jedenfalls nicht.
Drei Filme wurden in Ausschnitten vorgeführt und mit ihren Machern diskutiert. Am ehesten „neu“ in der Filmsprache erschien der Dokumentarfilm „Lenin kam nur bis Lüdenscheidt“, ein Film, der es immerhin in die engere Auswahl zum „Deutschen Filmpreis“ geschafft hat. Der zentrale Protagonist des Films, der auch den Kommentar des Ich-Erzählers geschrieben und gesprochen hat, ist Richard David Precht. Das ist der, der hier nicht nur als „Philosoph“, sondern sogar als „Erfolgsphilosoph“ bezeichnet wird. „Höchst amüsant und mit wunderbar ironischer Distanz“ erzähle Precht über das Familienleben, das er als Kind von strikt links orientierten Eltern miterlebte. Man erinnert sich: Precht spricht im Film von kratzenden Sisalteppichen seiner Kindheit, und davon, wie komisch daneben die Versuche seiner Eltern waren, sozialistisch gleich „gut“ zu definieren und kapitalistisch gleich „schlecht“. Das Programmheft sagt, Precht erkläre „in Sendung-mit-der-Maus-Manier die 68er Generation und das Erwachsenwerden in ihr.“ Das musste man interessant finden, fanden jedenfalls die beiden eingeladenen Redakteurinnen Jutta Krug (WDR) und Gudrun Hanke-El Ghomri (SWR), die den Film maßgeblich mitfinanzierten. Auch der ebenfalls eingeladene Regisseur André Schäfer fand den Film gut. Freundliche Stichworte lieferte als Moderator Daniel Kothenschulte, seines Zeichens Filmkritiker der „Frankfurter Rundschau“.
Kein Problem war für die illustre Runde, dass der Film ausgiebig Filmmaterial zeigt, das sorgfältig in Super-8-Qualität inszeniert worden war. Eigentlich ein Unding für einen Dokumentarfilm, aber hier machte das nichts. Es sei ja immerhin der Sohn von Richard David Precht gewesen, der da gefilmt worden sei. Der könne doch glaubhaft den Richard David Precht als Dreijährigen spielen. Grobkörnig und verwackelt gibt sich das Filmmaterial alle Mühe, als authentisch gedreht zu erscheinen. Die Macher dazu: Man merke das doch spätestens am Ende des Films.
War das nun ein „Doktale“, oder war das die „Realität“? War das ein Umweg, der in Ordnung ist, oder einer, den man eher nicht will? Das blieb ungeklärt, der Film war aber wohl okay, denn die Redakteurinnen Krug und Hanke-El Ghomri sind für viele interessante Dokumentarfilme verantwortlich.
Der zweite Film, der unter dem Label „Der politische Film“ lief, hieß „Der große Ausverkauf“, ausgezeichnet unter anderem mit dem „Adolf-Grimme-Preis“. Autor und Regisseur Florian Opitz zeigte ganz konkret an einzelnen Schicksalen, was es heißt, wenn Wasser und Strom, Gesundheit und Verkehr privatisiert werden. Auf vier Kontinenten findet Opitz seine Beispiele, und sie berühren wirklich. Mal kämpfen Menschen gegen diese Ausbeutung menschlicher Grundbedürfnisse an, mal haben sie mit ihrem individuellen Elend genug zu tun. Taz-Redakteurin Cristina Nord hatte den Film äußerst kritisch beurteilt. In der Taz schrieb sie unter dem Titel „Die Wirklichkeit ausbeuten“, dass Opitz keinen „Raum“ lasse für „eine ergebnisoffene Recherche und für Gespräche, die wirklich von Neugier angetrieben wären.“ Ihr Fazit: Opitz’ Bilder „erfüllen eine Funktion, indem sie eine zuvor schon existierende These untermauern.“ „Alle Tugenden des Dokumentarfilms“ träten „in den Hintergrund.“ Bei DOKVILLE konnte Cristina Nord im Gespräch mit Florian Opitz ihre Kritik vertreten und begründen. Das heißt, die Gelegenheit dazu gab es. Aber Cristina Nord überließ es Florian Opitz, ihre Kritik zu zitieren, und beschränkte sich mehr oder weniger aufs Fragenstellen. Ein Punktsieg für Opitz, der mit der Gelassenheit des guten Gewissens feststellte: „Wir haben vier Jahre an dem Film gearbeitet, und Frau Nord hatte vielleicht zwei Stunden für ihren Artikel.“
Damit war ein leidiges Thema angesprochen – der große zeitliche Aufwand für die Realisierung eines Dokumentarfilms auf der einen, das geringe Honorar und die schlechten Verträge dafür auf der anderen Seite. Thomas Frickel, Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm“ (AG DOK), berichtete unter dem launigen Titel „Was soll der Verein“ über die Bemühungen der AG DOK, den Dokumentarfilmern bessere Produktionsmöglichkeiten zu verschaffen. Anhand einer Power-Point-Präsentation listete Frickel auf, was die AG DOK dafür unternimmt, und diese Leistungsschau konnte sich sehen lassen. Frickel erwähnte u.a. den Preis „Das Dicke Fell“, den die AG DOK jährlich an Fernseh-Redaktionen verleiht, die sich um den anspruchsvollen Dokumentarfilm verdient gemacht haben. Ist diese Preis-Vergabe vielleicht noch mit einem angenehmen öffentlichen Auftritt verbunden, so ist vieles, was die AG DOK und die sie unterstützenden Mitglieder unternehmen, schlicht harte Lobby-Arbeit. In vielen Gremien, die die Rechte-Auswertung, die Verteilung der durch Filme generierten Gelder und die Vergabe öffentlicher Förderungen regeln, sitzen Vertreter der AG DOK und lassen sich auch durch manchmal übermächtig erscheinende gegnerische Mehrheiten nicht unterkriegen. Fast 900 Mitglieder hat die AG DOK nunmehr bundesweit, und sie alle hoffen darauf, dass den AG DOK-Machern die Energie nicht ausgeht.
Hatte nun Florian Opitz so was wie „DokTale“ gemacht, oder doch einen Dokumentarfilm sozusagen „alter Schule“? Das war nun nicht genauer untersucht worden, aber vielleicht konnten ja die für das nächste Podium mit dem Titel „Dokumentarisch drehen“ eingeladenen Kameraleute Näheres über aktuelle Anforderungen und vielleicht sogar Zumutungen sagen. Montage-Professor Hans Beller befragte die Kameraleute Lars Barthel, Börres Weiffenbach, Gregor Theuss und Justus Pankau. Pankau, heute ein richtig alter Mann, sagte über die Autoren seiner ersten Schaffensphase: „Früher konnte man zugeben, dass man vom Bild nichts verstand.“ Heute, so mein Schluss, wohl nicht mehr. Heute gebe es die „Draufhalten-Filme“, so Pankau, man dokumentiere zwar etwas, aber gestalte nicht mehr. Damit war der Ton der Diskussion vorgegeben. Natürlich waren auch die anderen Kameraleute dafür, erst zu denken, und dann zu filmen. Lars Barthel gelang es, das Publikum ein bisschen träumen zu lassen. An jedem Drehtag gebe es „vielleicht einen, oder zwei ‚magische Momente’ – Momente, in denen sich etwas verdichtet. Poetische Momente.“ Die zu erkennen und in Film umzusetzen, sei die Kunst. Und dann versuchte er eine Ehrenrettung des Materials Film: Film lebe, aber Video bestehe nur aus Pixeln. Spätestens da fragte ich mich: Und was ist, wenn ich nun mal auf Video drehe? Ich werde vielleicht nie mit Film drehen! Und eine Teilnehmerin aus dem Publikum sagte schlicht: Viele schöne Filme würde es nicht geben, wenn es Video nicht gäbe. Video habe auch ein demokratisches Element – so könnten auch Amateure ihr Material zu einem Film beisteuern. Auch eine Denkmöglichkeit. Dass die Kameraleute nicht nur behutsame, neugierige, offene Dokumentarfilme drehen, sondern vielfach auch dokumentarische „Dutzendware“ unter großem ökonomischem Druck, sagten sie erst hinterher, unter vier Augen sozusagen. Und unter dieser dokumentarischen „Alltagsware“ sind auch in den Augen der Kameraleute durchaus einige, die etwas Wichtiges vermitteln.
„Neukölln unlimited“ war unter der Überschrift „Der sozialkritische Film“ das dritte filmische Beispiel. Wieder war ein Filmredakteur, Bernd Haasis von den „Stuttgarter Nachrichten“, der Moderator, wieder waren drei Macher des Films die Gesprächspartner auf dem Podium. Producerin Sonia Otto betonte die dokumentarische Qualität des Films. „Inszenierung“ sei hier der „falsche Begriff“, eher ginge es „ab und zu“ um „Initiierung“. Aber auch das mit Maßen. In „Neukölln unlimited“ geht es um eine von der Abschiebung bedrohte libanesische Familie, die es wohl schaffen wird, hierbleiben zu dürfen – denn zwei oder drei der erwachsen werdenden Kinder verdienen durch künstlerische Arbeit genügend Geld. Der jüngste Sohn, Maradona, gerät in kriminelle oder zumindest verdächtige Kreise. Doch die Filmemacher, so versichern sie, haben nicht darauf gehofft, dass er wirklich abdriftet: „Weil wir Menschen sind.“ Filmisch spannend wäre das schon gewesen, räumen sie ein. Aber sie hätten bei Maradona darauf hingewirkt, dass er sich zurückhält.
Da war sie wieder, die Chance, Abgrenzungen gegen allzu wohlfeile dokumentarische Filme zu formulieren. Aber Bernd Haasis blieb der milde Fragensteller, und Willi Reschl, der für DOKVILLE verantwortliche Geschäftsführer des „Haus des Dokumentarfilms“, konnte nur sagen: „Wir hätten natürlich jemanden einladen können von den privaten Sendern und ihn hier zum ‚Schlachten’ freigeben. Aber das wollten wir nicht!“ So konnten noch ein paar weitere Diskussionen stattfinden mit Cutterinnen und Dokumentarfilm-Regisseuren, die jeweils deutlich für den achtsamen Dokumentarfilm eintraten. Und kluge Dinge zu sagen wussten. Bloß was eigentlich der „Doktale“ ist, was man sich darunter vorstellen kann, und wieso er eine Gefahr für die „Realität“ darstellt, das erfuhr man nicht.
Der Fernsehsender ARTE bekam als einziger einen eigenen Programmplatz beim diesjährigen DOKVILLE. „ARTE – immer noch ein Eldorado für Dokumentaristen!“ hieß er, und auch das Ausrufezeichen stand so im Programm, in einer früheren Version war es noch ein Fragezeichen gewesen. Peter Gottschalk erinnerte zu Beginn seines Vortrags an Christian Bauer, der ein Jahr zuvor bei DOKVILLE seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte und bald darauf verstarb, mitten im Leben stehend. Christian Bauer war ein ruhiger, sympathischer Mensch, einer, den man mochte, und ein erfolgreicher Produzent dazu. So hatte Gottschalk leichtes Spiel, als er schließlich überleitete zu ARTE mit seinen vielen Plätzen für dokumentarische Filme. Auch Thomas Frickel, Vorsitzender der Dokumentarfilm-Vereinigung AG DOK, konnte Gottschalk mit seinem Einwurf („Der Quotendruck ist absurd“) nicht bremsen. „Wir brauchen gut laufende Fernsehprogramme, um auch die anderen, schwierigeren machen zu können“, sagte Gottschalk. Er ließ das neue Programmschema von ARTE verteilen, und das zeigte, dass ARTE viele Sorten dokumentarischer Filme im Programm hat. Wen wundert´s. Die anwesenden Macher von dokumentarischen Filmen mochten den ARTE-Vertreter nicht allzu hart angehen. ARTE und 3Sat, das sind die beiden Sender, mit denen noch so manches möglich ist. Ein Diskutant wies darauf hin, dass die Auswahl der Themen bei ARTE doch etwas schwierig sei – da solle man die Interessen des französischen Publikums mit denen der deutschen regionalen Filmförderungen zusamen bringen. Und das neue Sendeschema, das angeblich so viele dokumentarische Sendeplätze bereit hält – beruht es denn nun auf mehr Wiederholungen und Übernahmen, oder wird auch noch in nennenswerten Teilen neu produziert? Was ist mit dem Sendeplatz „Popkultur“? Wenn „Popkultur“ von den Verantwortlichen als „Massenphänomen“ definiert wird – schließt dass dann alle neuen Kultur-Ansätze aus, eben weil sie es noch nicht geschafft haben, die breiten Massen zu erreichen? Müsste man dann den Sendeplatz nicht eher „Mainstream“ nennen?
Und, wie sehen sie aus, die neuen dokumentarischen Formen? Darum ging es nicht, dieses Jahr in DOKVILLE. Erst nächstes Jahr wird in DOKVILLE wieder der „Deutsche Dokumentarfilmpreis“ verliehen, der Preis, der bis vor kurzem „Baden-Württembergischer Dokumentarfilmpreis“ hieß. Dann gibt es was zu gewinnen, dann geht es um was. Diesmal blieb man so mehr unter sich, unter denjenigen, die für das Wahre, das Echte eintreten. Die Moderatoren waren hochachtungsvoll, und vergaßen ein bisschen, wofür sie da sind: Um kritische Fragen zu stellen. Die Diskussion in Gang zu bringen. In der Branche gibt es nämlich noch andere Auffassungen über das dokumentarische Erzählen. Mit einer Berechtigung, über die man streiten könnte. Aber um sie zu präsentieren, hätte man sie halt einladen müssen.
DOKVILLE wird vom Stuttgarter „Haus des Dokumentarfilms“ veranstaltet. Dieses Jahr trafen sich vom 17. bis 18. Juni 2010 etwa 150 Teilnehmer in Ludwigsburg, vor allem aus der Branche von Film- und Fernsehmachern unterschiedlicher Profession, mit Referenten, die aus den Bereichen Kamera, Regie, Montage und Produktion sowie aus den Dozentenkreisen der Filmhochschulen kamen. Eckart Lottmann ist Fernsehautor und Journalist aus Berlin.

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