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Unabhängig und frei verfügbar - Docs als öffentliches Kulturgut!

Konzept der Arbeitsgruppe Digitalstrategie für ein völlig neues, beitragsfinanziertes Produktions- und Distributionsmodell

vom 14.02.2020

Hier geht’s zu den FAQs.

Die dokumentarischen Genres in ihrer ganzen Bandbreite werden durch ein neuartiges Finanzierungsmodell unter einer Creative Commons Lizenz für die Öffentlichkeit frei verfügbar gemacht:

finanziert durch 2% der Haushaltsabgabe, vergeben durch ein teil-randomisiertes Modell, veröffentlicht auf technischer Open Source Basis und nachhaltig und ressourcenschonend konzipiert.

Medien, Zuschauer*innen und Filmschaffende sehen sich durch den digitalen Wandel mit grundsätzlichen Veränderungen konfrontiert. Alte Strukturen, Institutionen, ökonomische Modelle und soziokulturelle Handlungsmuster erodieren, neue bilden sich heraus. Wir Filmschaffende sind gefragt, diese aktiv mitzugestalten. Unser Modell zielt auf die immer weiter auseinanderklaffende Lücke zwischen ökonomischen und soziokulturellen Bedürfnissen.

Öffentliches Geld = Öffentlicher Dokumentarfilm

Die Digitalisierung ermöglicht immaterielles Gut ohne Verluste unendlich zu teilen. Teilen bedeutet teilhaben und nur das Gemeinsame kann Teil des Alltags und einer Selbstverständlichkeit werden.

Durch die digitale Transformation wächst der Stellenwert von, und der Bedarf an, audiovisuellen Medien fortlaufend. Dokumentarisches Erzählen in seinen zahlreichen Arten und Funktionen stellt ein gesellschaftlich gewünschtes und beliebtes Gut dar, um Realität zu hinterfragen, komplexe Themen zu erforschen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und rationale Argumente mit komplexen, oft sozialen und moralisch motivierten Emotionen zu verbinden.

Doch die Disruption des Geschäftsmodells des abgestuften Ausschlusses von Konsumenten schreitet durch die neuen globalen Distributionswege und die Möglichkeiten zur kostenlosen Vervielfältigung rapide voran: Konventionelle Formen der Filmvermarktung, nämlich die schrittweise Veröffentlichung auf unterschiedlichen Medien und der Verkauf an unterschiedliche Territorien, werden zunehmend obsolet. Nur durch eine immer stärkere Einschränkung der Rechte privater Nutzung durch Verbote, künstliche Limitierungen und Beschränkungen sowohl des Zuschauerzugangs als auch der technischen Möglichkeiten, ist der Schatten des etablierten Auswertungsmodells, meist unter prekären Verhältnissen, noch aufrecht zu erhalten. Die Folge für die Dokumentarfilmbranche ist eine fragmentierte Industrie mit kleinen Budgets innerhalb einer komplizierten Förderlandschaft, Fachkräftemangel und Filmemacher*innen, die schon seit vielen Jahren Schwierigkeiten haben, eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit zu erwirtschaften, bzw. überhaupt die Herstellungskosten der Inhalte kostendeckend zu refinanzieren. So werden professionelle Dokumentarfilmschaffende durch die bestehenden prekären Verhältnisse mehr und mehr dazu gezwungen, marktkonforme Inhalte zu produzieren und so geschäftliche Interessen über inhaltliche oder gesellschaftlich relevante Bedeutung zu stellen – und das, obwohl nahezu alle Filme mit staatlicher Förderung oder von den durch die Haushaltsabgabe finanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten produziert werden. Die Zuschauer sind somit zwangsläufig Finanziers und Unterstützer dieses ökonomischen Modells und werden gleichzeitig durch die Zunahme von Limitierung zu dessen Aufrechterhaltung mit einem gleichförmigen, durchformatierten Programm bestraft – ein Paradoxon.

Hier skizzieren wir ein innovatives Produktions- und Distributionsmodell für das gesamte dokumentarische Genre: Dokumentarfilme, Dokumentationen, dokumentarische Serien, sowie cross- und transmediale Vorhaben. Insbesondere soll auch dem Kino als wichtigem sozialen Raum, als Austausch und Kommunikationsort, Rechnung getragen werden.

Alleinstellungsmerkmal unseres Vorschlags ist die konsequente Veröffentlichung aller im Rahmen dieser neuartigen Förderung entstehenden Programme unter Creative Commons Lizenzen. Öffentliches Geld soll hier ohne Wenn und Aber zu öffentlichem Gut werden. 

Dabei orientieren wir uns an dem längst etablierten Modell von “Open Access”. Dieses ermöglicht inhaltlich hochqualitative und gleichzeitig von ökonomischen Interessen vollkommen unabhängige Produktionen, die überall dort Relevanz entfalten können, wo das bisherige System versagt. Dabei schließen wir uns zudem auch dem in der Politik momentan intensiv geführten Diskurs um “Open Source”, “Public Money = Public Code”, in der Entwicklung einer digitalen Infrastruktur an.

Versagen des ÖRR

Im Widerspruch zu seiner überragenden gesellschaftlichen Bedeutung stehen die unverhältnismässig geringen Mittel, die die öffentlich-rechtlichen Anstalten dem dokumentarischen Genre zubilligen. ARD, ZDF und Deutschlandradio zusammen verfügen über etwa 9000 Millionen Euro Gesamteinnahmen im Jahr. Die ARD Anstalten liessen sich im Jahr 2018 alle dokumentarischen Produktionen zwischen 10 und 90+ Minuten aber nur 57,93 Mio EUR kosten. Das entspricht lediglich 0,77% der ARD-Gesamteinnahmen. Das ZDF hat für das Jahr 2020 51,13 Mio EUR für das dokumentarische Genre eingestellt, was ca. 2,4% der ZDF-Gesamteinnahmen entspricht. Innerhalb unseres öffentlich-rechtlichen Mediensystems ist das dokumentarische Genre aber das meritorische Gut par excellence. Also eines der zentralen Argumente für das Bestehen dieses Systems überhaupt. Von etwa 9000 Millionen Gesamteinnahmen weniger als 110 Mio. Euro in diesen Programmbereich zu investieren betrachten wir unverhältnismässig wenig. Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll, wie weit sich die tatsächliche Praxis der Anstalten von ihrem gesetzlichen Auftrag entfernt hat.

Finanzierung des Projektes

Wie soll eine Finanzierung mit Beitragsgeldern, aber ohne Einbeziehung der Anstalten, konkret aussehen?

Der § 40 des derzeit noch in Beratung befindlichen Medienstaatsvertrages regelt bereits, dass die mit derzeit ca. 1,89 Prozent der Beitragsgelder finanzierten Landesmedienanstalten lokalen und regionalen Rundfunk fördern dürfen. Wir setzen auf eine Ausweitung dieser Regelung. Wir fordern die Rundfunkkommission der Länder auf, das Budget der Landesmedienanstalten um zwei Prozent auf dann knapp 4 Prozent zu erhöhen. Diese Umwidmung von Geldern soll aufkommensneutral geschehen, also ohne eine Erhöhung des Haushaltsbeitrages. Diese zusätzlichen Mittel, etwa 160 Mio. Eur pro Jahr, sollen aus den überproportional teuren Programmbereichen Sport und Unterhaltung umgewidmet werden und dann ausschließlich in das hier beschriebene Projekt fließen. 2% der Beitragsmittel für einen innovatives, demokratieförderndes Modell zu veranschlagen stellt wohl keine überzogene Forderung dar!


Vergabe der Gelder und das Gütesiegel “Docs for Democracy”

Zu den Voraussetzungen für eine Veröffentlichung unter einer Creative Commons Lizenz gehört eine auskömmliche Finanzierung in Form eines Global Buyout. Die Situation von freien Filmschaffenden, die nicht über Festanstellungen, regelmäßiges Gehalt oder durchgehende Bezahlung verfügen, wird in diesem Modell explizit mit einbezogen, um kreatives Prekariat und Altersarmut zu vermeiden!

Wir favorisieren ein teil-randomisiertes Modell für die Vergabe von Produktionsgeldern. Dazu prüft vorab eine Jury die anonymisierten Einreichungen auf die Einhaltung der Förderkriterien und ermittelt alle grundsätzlich förderwürdigen Projekte anhand einer Kurzbeschreibung und wählt für jede Kategorie ein Projekt aus. Die Kriterien für die Förderung definieren sich über Diversität in Inhalt, Form und Personen vor und hinter der Kamera, gesellschaftlich relevante Themensetzung sowie Vereinbarkeit mit Grundgesetz und Pressekodex. Alle anderen geprüften Projekte nehmen an einer Lotterie teil, durch die eine festzulegende Zahl weiterer Projekte gefördert wird. Zu weiteren Förderprogrammen gehören eine Postproduktionsförderung, sowie der Selbstverleih bei Kinoauswertungen.

Genaue Faktoren und Rahmenbedingungen werden anhand eines Kriterienkataloges entwickelt. Ausgewählte Filme erhalten das Gütesiegel “Docs for Democracy”.



Plattform

Die Plattform wird auf Basis von Open Source nachhaltig programmiert und mit einer ressourcenschonenden Infrastruktur ausgestattet werden.

Annotation, Remix und Bildersuche schafft Teilhabe der Nutzer*innen und die Möglichkeit durch Korrelieren von Daten und Inhalten Mehrwerte und neues Wissen zu schaffen.

Darüber hinaus können auf CC basierende Inhalte, wie z.B. historische Datensätze der Europeana eingebunden und so auch professionelle audiovisuelle Arbeiten auf Basis von Archivmaterial ermöglicht werden. Dies stellt auch einen Mehrwert für die oft brachliegenden Digitalisate der Museen dar. Der stetig wachsende Bestand und Zugang zu Archivmaterial ermöglicht weiteren Produktionen, aus dem Pool an Bildern zu schöpfen, was sich wiederum positiv auf die Produktionskosten anderer Werke, aber auch auf die Umwelt auswirkt, da Reisen, Energieverbrauch etc. verringert werden.

Für die Kino- und Festivalauswertung geeigneter Filme ist eine eigene Förderschiene vorgesehen.

Effekte und Erwartungen

Das Konzept erhöht die Sichtbarkeit des dokumentarischen Genres und ist Ausdruck von gesellschaftlicher und kultureller Vielfalt, fördert die Debattenkultur und Demokratie, schafft ein breites, qualitatives Bildungsangebot und leistet konstruktive Beiträge, um geschichtliche und aktuelle gesellschaftliche Themen zu beleuchten und nach Lösungen zu suchen.

Damit ergibt sich eine Zunahme an Vielfalt des Angebotes mit Blick auf:

· nachhaltige kreative Impulse für die Gesellschaft
· Legale Intensivierung des Medieneinsatzes in Schule, Wissenschaft, politischer Bildung, Entwicklungszusammenarbeit und Zivilgesellschaft
· Neue Impulse für das dokumentarische Kino durch eine spezielle Selbstverleihförderung von der auch Programmkinos und kommunale Kinos profitieren
· faire Vertragsbedingungen für die Urheber

Begründung

● Grundlegende Reformen sind nötig. Der von uns zu entwickelnde Vorschlag für eine neue, öffentlichen Zugang zu Dokumentarfilmen gewährende, Plattform hält unser Anliegen, die Verbesserung der formalen, thematischen und ökonomischen Rahmenbedingungen auf der medienpolitischen Agenda und schafft einen neuen Ansatz jenseits der marktorientierten Strukturen.

● Dieser Ansatz stellt das bisherige Produktions- und Auswertungsmodell grundlegend in Frage, hat aber einige zentrale Vorteile:

o Themen müssen sich nicht mehr den noch aus der linearen Logik stammenden Formatzwängen unterwerfen
o Form und Inhalt können hier wieder viel stärker aufeinander bezogen werden, kaum noch gesehene filmische Formen erleben eine Renaissance und neue Formen bekommen eine Chance
o Die für kleine Produzent*innen komplizierte und langwierige Co-Produktionslogik wird obsolet. Deutliche Kostenersparnis bei Verwaltungskosten sind die Folge, was wiederum der eigentlichen Produktion zugutekommt.
o Für die meisten kleineren Produzent*innen/Indies lohnt ein internationaler kommerzieller Vertrieb kaum. Unter anderem auch deswegen nicht, weil viele ihrer Produktionen nicht marktgängig genug sind und auch gar nicht sein wollen
o Die von den Sendern angebotenen Rechte als Kompensation für eine nur teilweise Finanzierung lassen sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ohnehin gar nicht monetarisieren
o Die derzeit oft unter Kostendeckung arbeitenden Produzenten erhalten bei diesem Modell die Herstellungskosten sowie mögliche Auswertungskosten fair finanziert

Hinter der Forderung nach gleichen Zugangschancen und nach gleichberechtigter Teilhabe für alle steht nichts Geringeres als die Frage, wie wir leben wollen - als Filmschaffende und/oder Filmsehende.

Text: Sandra Trostel, Susanne Dzeik, Thorolf Lipp
Projektteam: Thorolf Lipp, Paul Klimpel, Jochen Hick, Susanne Dzeik, Sandra Trostel, Anli Serfontein

 

 

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