Ein Besuch beim AG DOK-Sommerfest
Es ist eine Tradition: Zum Ende des Sommers lädt die AG DOK zum gemütlichen Austausch ein. Im Café des Prinzessinnengartens – einer grünen Oase mitten in Neukölln – versammeln sich Ende August mehr als 100 Mitglieder. Es gibt Weinschorle, verschiedene Limonaden und ein kleines Buffet mit selbst angebautem Gemüse aus den angrenzenden Beeten. Doch dieses Jahr ist etwas anders. Immer wieder taucht zwischen den Gesprächen über Herstellungskosten, Festivalteilnahmen und neue Kameratechnik ein ungewöhnliches Wort auf: „Feature“.
Anfang des Jahres wurde von der Mitgliedschaft beschlossen, dass sich der Verband für Autor*innen von Radio-Features öffnen will. Dafür bedarf es einer Satzungsänderung und eines neuen Namens. Die Online-Abstimmung begann am Tag zuvor, und nach sieben Tagen steht mit überragender Mehrheit das Ergebnis fest: Die AG DOK heißt künftig „Berufsverband für DokumentarFilm- und Audio“. Auch das soll beim Sommerfest gefeiert werden. Deshalb findet die Veranstaltung an einem besonderen Termin statt: Im Anschluss an das Berliner Hörspielfestival – einem der wichtigsten Branchentreffen im Audiobereich. Stella Luncke, die das Festival mitorganisiert, trifft als eine der Ersten auf dem Sommerfest ein, erschöpft vom langen Tag, aber im Tanz-Outfit. „Dass wir heute Abend tanzen, davon bin ich ausgegangen.“
„Ein Dokumentarfilm ohne Bilder“
Stella ist eine von knapp zehn Audio-Kolleg*innen, die sich mutig unter die Sommerfestgäste mischen. Es werden Hände geschüttelt, Erfahrungen ausgetauscht und Fragen gestellt – vor allem eine: „Feature? Was für ein Feature?“ Lauscht man den Gesprächen an diesem Abend, gibt es darauf viele Antworten. Lorenz Rollhäuser teilt uns seine mit. Als langjähriger Radiomacher und Feature-Autor sagt er: „Ein Feature ist ein Audioformat von üblicherweise 30 bis 60 Minuten Länge, das O-Ton-Material, Szenen, Atmos und Musik nutzt, um seine jeweils eigene Form zu finden und ein Thema oder eine Geschichte akustisch ansprechend rüberzubringen.“ Wer diese Antwort zu abstrakt findet, für den hat er eine Kurzversion: „Ein Dokumentarfilm ohne Bilder. “
Die Radiomacher*innen gehören der Feature-Offensive an, die 2025 von vier Audioschaffenden gegründet wurde. Mittlerweile hat die Initiative bundesweit viele Unterstützer*innen. Fast 30 Radiomacher*innen sind auf ihren Aufruf hin der AG DOK beigetreten. Der Verband will für die Autor*innen neue Vergütungsregeln verhandeln, eine GVR nach dem Vorbild der Verhandlungserfolge in der TV-Branche. „Bisher waren wir eher einsame Satelliten, die um die Sender herum rotieren und sich mehr oder weniger aus der Ferne wahrnehmen“, sagt Martina Groß – ebenfalls Feature-Autorin. Sie freut sich über die Gemeinschaft und die Gespräche mit Filmkolleg*innen.
Das Dokumentarische verbindet
In der AG DOK gibt es viele Mitglieder, die neben ihrer Filmarbeit auch Audioformate umsetzen: Reportagen, Doku-Serien oder Storytelling-Podcasts – eine „Doku-Serie ohne Bilder“, folgt man Lorenz’ Erklärung. Denn vieles in der Feature-Arbeitsweise erinnert an das dokumentarische Arbeiten im Film- und Fernsehbereich: „Wie ich ein Feature mache, ist ganz verschieden“, sagt Lorenz Rollhäuser. „In jedem Fall ist es immer furchtbar viel Material, das transkribiert und abgehört werden muss, und dann entsteht das Feature bei mir in einem schwer durchschaubaren Wechselspiel von Sound- und Textarbeit.“ Wie im Dokumentarfilm ist dieser Prozess nicht nur lang und nicht ausreichend vergütet, sondern oft auch einsam – deshalb genießen alle heute Abend die Lagerfeuer-Stimmung. Nur einen Verbesserungsvorschlag hat die Feature-Offensive für die AG DOK: Vielleicht wird im nächsten Jahr auch die Tanzfläche eröffnet?