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"Gerade einmal 0,2 Prozent des Senderbudgets" - AG DOK antwortet auf ARD-Programmchef Herres

vom 25.06.2015

In einer Presse-Erklärung hat die ARD die Kritik an ihrer Programmplanung als "haltlos und unlauter" zurückgewiesen:
 
Die AG DOK hatte am Dienstag Zahlen veröffentlicht, aus denen ein kontinuierlicher Rückgang dokumentarischer Sendungen im ARD-Gesamtangebot hervorgeht. Doch anders, als von Herrn Herres behauptet, beruhen unsere Zahlen nicht auf einer Statistik "die von einer einzigen untersuchten Woche auf ein ganzes Jahr schließt", sondern unsere Veröffentlichung stützt sich auf zwei Quellen. Neben den GÖFAK-Zahlen der Landesmedienanstalten (die übrigens nicht eine, sondern exemplarisch zwei Programmwochen - eine im Frühjahr, eine im Herbst untersucht), zitieren wir die Ergebnisse der IFEM-Programmanalyse.  Dieses Institut analysiert die Angebote von ARD/Das Erste, ZDF, RTL, Sat.1 und ProSieben als Vollerhebung. Die Untersuchung umfasste im Jahr 2014 pro Sender jeweils 8 760  Sendestunden an allen 365 Tagen.

Unsere Feststellung, dass dokumentarische Sendungen in der ARD auf dem Rückzug sind, fußt also auf der hauseigenen ARD-Programmstatistik. Auf diese Zahlen geht Herr Herres in seiner Presseerklärung überhaupt nicht ein - obwohl die ARD sie in ihrer Zeitschrift Media-Perspektiven selbst veröffentlicht hat:      

Dokumentation/Bericht/Reportage in der ARD:

  2012    
2013    
2014
Anteil an der Gesamtsendedauer, in % 
7,1 6,4 5,5

Quelle: Media-Perspektiven 3/2015, Seite 154.

Und in einer Tabelle auf Seite 150 der gleichen Publikation wird der
Rückgang sogar minutengenau dokumentiert:

Reportage/Dokumentation/Bericht (inkl. eigenständige Wettersendungen)                            

2012: 145 min./Tag                           
2013: 128 min./Tag                           
2014: 122 min./Tag                            

Für 2014 bedeutet das gegenüber 2012 ein Minus von 16% und gegenüber 2013 ist immer noch ein Rückgang von 5 % zu verzeichnen.                        

Wie Herr Herres in Kenntnis dieser Zahlen zu der Einschätzung gelangen kann, dass "der Anteil der dokumentarischen Angebote mitnichten abgenommen" hat und dass "die Unterschiede zwischen den Jahren keinem linearen Abwärtstrend folgen", ist nicht nachvollziehbar. Und was an der ARD-eigenen Programm-Statistik "haltlos" oder gar "unlauter" sein soll, erst recht nicht.

Vielleicht liegt es ja daran, dass die ARD die Bezugsgrößen ihrer statistischen Aussagen ständig verändert und dadurch allmählich selbst den Überblick verliert. Auch jetzt wieder beruft sie sich auf eine Kategorie, die es in der offiziellen Programm-Statistik gar nicht gibt - nämlich auf die "relevante Sendezeit ab 20.15" . Für das IFEM-Institut -und damit für die von der ARD benutzte Programm-Statistik- beginnt die "Hauptsendezeit" allerdings um 19 Uhr und dauert bis 23 Uhr. Diese gleichsam offizielle und wissenschaftlich anerkannte Einordnung kann Herr Herres aber schon deshalb nicht gebrauchen, weil dieses Zeitfenster vorbei ist, bevor viele Dokumentationen im Programm des "Ersten" überhaupt anfangen.

Festzuhalten bleibt: die ARD steht mit ihrem Dokumentations-Angebot keineswegs so gut da, wie sie glauben machen möchten. Denn so schön es klingt, dass im Abendprogramm des "Ersten" zwischen 122 und 135 Stunden Dokumentationen im Jahr gezeigt werden - geteilt durch 365 Tage sind das kaum mehr als 20 Minuten am Tag. Oder eben die 8,5 Prozent der Sendezeit, die in der Programm-Statistik der Media-Perspektiven ausgewiesen sind. Mit dem traumhaften und für viele deutsche Dokumentarfilmer unerreichbaren Minutenpreis von 1500 Euro multipliziert, würden diese 135 Stunden die ARD 12,15 Millionen Euro kosten – gerade einmal 0,2% der 6 Milliarden, die der ARD jährlich aus dem Rundfunkbeitrag zustehen. Oder, anders gerechnet: ganze 2,8 Prozent der 450 Millionen, über die der Sport-Etat der ARD verfügt.

Ein Genre, das im Kernbereich des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags steht, wird in der ARD mit 8,5 Prozent der Sendezeit und mit 0,2 Prozent des Gesamthaushalts abgespeist. Das ist nicht genug. Das ist armselig.

Der Anteil fiktionaler Angebote im Hauptprogramm liegt hingegen schon jetzt bei 43 Prozent. Da muss doch die Frage erlaubt sein, ob ein frei werdender 90-minütiger Sendeplatz unbedingt für weitere fiktionale Angebote reserviert werden muss.

Oder?