AG DOK - Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm e.V.
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Medienpolitik
Die Positionen der Berliner Parteien zur Förderung von Dokumentarfilmen
Auswertung der Wahlprüfsteine der AG DOK Berlin/Brandenburg zur Abgeordnetenhauswahl 2021
vom 22.09.2021
Am 26. September 2021 finden die Wahlen des Berliner Abgeordnetenhauses statt. Dadurch eröffnete sich für die AG DOK Berlin/Brandenburg im Vorfeld der Wahlen die Möglichkeit, sich für bessere Förderbedingungen für den Dokumentarfilm einzusetzen, indem über Wahlprüfsteine die Situation des Dokumentarfilms thematisiert wurde.
Als Wahlprüfsteine werden thematische Anfragen von Interessenverbänden an Parteien und deren Antworten darauf bezeichnet. Sie werden vor Wahlen oder anstehenden politischen Entscheidungen veröffentlicht und sollen Wähler:innen zur Orientierung vor der Wahl dienen. Aus den gestellten Fragen und den Erwiderungen der Parteien können Schlüsse gezogen werden, inwiefern deren Positionen mit den jeweiligen Interessen übereinstimmen. Sie erlauben Einschätzungen darüber, was von den jeweiligen Parteien, insbesondere im Falle einer Regierungsbeteiligung, erwartet werden kann.
Unsere Wahlprüfsteine bezogen sich vor allem auf folgende Themen:
Mehr und passgenaue Fördermöglichkeiten für Dokumentarfilme.
Unsere Auswertung der Filmförderung des Medienboard Berlin-Brandenburg im Jahr 2019 ergab:
Nur 7% der Entwicklungs- und Produktionsförderung fließt in dokumentarische Formen!
Damit war der Anteil zwar marginal höher als der anderer Länderförderungen, doch wird das der Gattung Dokumentarfilm und ihrer wachsenden gesellschaftlichen Rolle und Bedeutung in keiner Weise gerecht. Die zahlreichen Festivalteilnahmen, Nominierungen für nicht-dokumentarische Preise wie den Oscar für den besten internationalen Film, neue erfolgreiche Produktionen auch auf Streamingplattformen u.a. sprechen für sich.
Niedrigschwelliger Zugang zu Förderung
Möglichkeiten für Filmemacher:innen, jenseits von Marktzwängen zu arbeiten
Rolle des RBB bei der Förderung und Verbreitung von Dokumentarfilmen, insbesondere der Mediathekennutzung (und deren Vergütung).
Stärkung der Diversität vor und hinter der Kamera beim Dokumentarfilm, um der Vielfalt Berlins besser gerecht zu werden.
Umgang mit der Auffächerung der Zuständigkeiten für Film. Zur Zeit ist die Zuständigkeit de facto aufgeteilt zwischen Senatskanzlei, Medienboard (beaufsichtigt von der Senatskanzlei und der Brandenburger Staatskanzlei) und Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Letztere fördert “künstlerischen” Film oder die Arbeit von Filmemacher:innen punktuell.
Transparenz und Intendantenmodell beim Medienboard Berlin-Brandenburg.
Unterstützung zur besseren Verbreitung von Dokumentarfilmen.
Weiterhin analysierten wir drei Optionen, wie die Fördersituation für dokumentarische Formen verbessert werden kann:
a. Erhöhung des Medienboard-Budgets (und dadurch auch mehr Mittel für Dokumentarfilme)
b. Umschichtung der Mittel innerhalb des Medienboards zugunsten des Dokumentarfilms
c. Schaffung einer neuen kulturellen Filmförderung auch für den Dokumentarfilm.
Die Machbarkeit und politischen Willen für diese Optionen fragten wir ebenfalls in den Wahlprüfsteinen ab.
Um Beantwortung der Wahlprüfsteine baten wir die Zuständigen bei den Berliner Landesverbänden aller demokratischen, im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien (SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die LINKE, CDU, FDP). Bis auf die SPD haben uns alle Parteien ihre Positionen zukommen lassen. Mit großem Bedauern mussten wir zu Kenntnis nehmen, dass der Landesverband der SPD trotz wiederholter telefonischer und schriftlicher Erinnerungen und entsprechender Zusagen, es letztlich doch vorgezog, keine film- und medienpolitischen Positionen an die AG DOK zu übermitteln.
Die nachfolgende Tabelle beinhaltet die Essenz der ausführlichen Antworten der Parteien auf die AG DOK-Wahlprüfsteine der Regionalgruppe Berlin/Brandenburg. Sie finden die Antworten im Originalwortlaut unter den Links im Anschluss an den Artikel.
Höhere Förderung des Dokumentarfilms
SPD: k.A.
CDU: Budget des Medienboards insgesamt erhöhen, aber keine erhöhte Quote für den Dokumentarfilm
Grün: höhere Förderung für Dokumentarfilme (Medienboard-Budget aufstocken und damit mehr Dokus fördern oder ggf. neues Programm)
LINKE: höhere Förderung für Dokumentarfilme (Medienboard-Budget aufstocken und damit mehr Dokus fördern oder ggf. neues Programm)
FDP: “Kassensturz wird kommen” (F.-W.Steinmeier) -> abwarten, wie Corona bezahlt werden muss
Niedrigschwelliger Zugang
SPD: k.A.
CDU: Im Gespräch mit allen Akteur*innen Möglichkeiten ausloten
Grün: s. auch unten (Marktunabhängigkeit)
LINKE: nicht explizit erwähnt
FDP: Stipendien, ggf. mit anonymisiertem Auswahlverfahren, prämierte Wettbewerbe
Marktunabhängigkeit
SPD: k.A.
CDU: Im Gespräch mit allen Akteur*innen Möglichkeiten ausloten
Grün: Stipendien, ggf. mit Losverfahren, mehrjährige Förderung, Produzent*innen als Dienstleister für Regie und nicht umgekehrt (“umgekehrte Filmförderung”).
LINKE: Verbesserte Dokumentarfilmförderung in Förderrichtlinien verankern, Einbindung von Filmschaffenden in soziale Sicherungssysteme
FDP: Verweis auf Bürgergeld; Filme zeigen in Pop-Up-Foren
Rolle des RBB
SPD: k.A.
CDU: Mediathek: in der Novellierung des Medienstaatsvertrages sicherstellen, dass es für die Urheber von Produktionen, die der RBB ausstrahlt, eine angemessene Vergütung gibt.
Grün: Sender aus den Förderstrukturen herauslösen und gleichzeitig durch eine Präzisierung des Auftrages stärker in Richtung Bildung aufstellen; Sendeplätze für Dokus neu bewerten. Mediatheknutzung: nur bei angemessener Vergütung der Urheber
LINKE: Mediatheknutzung: nur bei angemessener Vergütung der Urheber
FDP: Mediathek: Lizenzfragen sind im Sinne der Urheberinteressen der Filmschaffenden zu klären und ggf. abzugelten.
Diversität fördern
SPD: k.A.
CDU: nicht erwähnt
Grün: Denkbare Ansätze sind partizipativ entwickelte Kriterienkataloge, unabhängige, divers und international besetzte Jurys und gezielte Zuschauer:innenevaluationen.
LINKE: wird als Ziel akzeptiert, keine konkreten Massnahmen aufgeführt
FDP: nicht erwähnt
Zuständigkeitsauffächerung
SPD: k.A.
CDU: Status quo beibehalten
Grün: Schaffung eines ressortübergreifenden One-Stop-Büros für Filmfragen, auch für Filmförderung
LINKE: Schaffung eines ressortübergreifenden One-Stop-Büros für Filmfragen, auch für Filmförderung
FDP: Bei Bedarf gesprächsbereit über Ressortzuschnittsänderung, Umstrukturierung, Kommunikationswegsoptimierung o.ä.
Medienboard: Transparenz und Intendantenmodell, externer Beirat
SPD: k.A.
CDU: Status quo funktioniert (kein externer Beirat notwendig)
Grün: Status quo funktioniert, externer Beirat wünschenswert
LINKE: Status quo funktioniert, externer Beirat wünschenswert
FDP: Status quo funktioniert, externe Expertise willkommen
Bessere Verbreitung von Dokumentarfilmen, auch in alternativen Vertriebswegen jenseits des Kinos
SPD: k.A.
CDU: Im Gespräch mit allen Akteur*innen Möglichkeiten ausloten (auch Onlineverbreitung)
Grün: besondere Rolle der Festivals, eher Qualität als Quantität fördern
LINKE: Die derzeitige Verleihförderung begünstigt eine Standard-Kinoauswertung und unterstützt nicht das Abspielen in alternativen, zielgruppenaffinen Orten. Das Kino bleibt als Auswertungsort auch für den Dokumentarfilm wichtig. Jedoch werden überzeugende digitale Konzepte, kuratierte Veranstaltungsreihen oder andere kreative Ideen, wie zum Beispiel ambulante Kinotouren, finanziell nicht unterstützt. -> Die LINKE will an den bereits vorhandenen Austausch mit AG DOK über neue Wege anknüpfen, auch online.
FDP: private Sponsoren, Partnerschaften zwischen Sendern und Festivals (wie bei ZDF und Berlinale) . Weitere Stichworte: Pop Up Foren, Open Access
Tabellarische zusammenfassung hier: Download Link
Fazit:
Alle Parteien, die auf unsere Anfrage antworteten, messen dem Dokumentarfilm einen hohen Stellenwert für den gesellschaftlichen Austausch und Zusammenhalt bei. Die konkretesten Maßnahmen zur Verbesserung der Fördersituation waren in den Antworten von Die Grünen/Bündnis 90 und die LINKE zu finden. Hier zeigen sich zahlreiche Ansätze, die wir nach Auswertung und Rücksprache mit Mitgliedern der AG DOK in Berlin begrüßen. Die Notwendigkeit, Dokumentarfilme angemessen zu vergüten, wenn sie in der Mediathek des RBB verfügbar sind, wird von allen Parteien gleichermaßen anerkannt.
Für die weitere Zukunft wird sich die AG DOK Berlin/Brandenburg mit den medienpolitischen Sprecher:innen der demokratischen Parteien ins Gespräch begeben und die Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation der Dokumentarfilmschaffenden in Berlin/Brandenburg weiter ausloten.
Natalie Gravenor und Susanne Dzeik
für das AG DOK Berlin/Brandenburg-Team
Links zu den Berliner Wahlprüfsteine der AG DOK Berlin/Brandenburg
und die jeweiligen Antworten von CDU, FDP, Grünen und Linken:
http://media02.culturebase.org/data/docs-ag-dok/AG%20DOK%20BB%20Wahlpruefsteine_260521.pdf
http://media02.culturebase.org/data/docs-ag-dok/CDU%20Berlin_WPS%20AG%20DOK.pdf
http://media02.culturebase.org/data/docs-ag-dok/DIE%20LINKE%20Berlin%20-%20WPS%20von%20AG%20DOK%20BerlinBrandenburg.pdf
http://media02.culturebase.org/data/docs-ag-dok/FDP%20AG%20DOK_Antworten.pdf
http://media02.culturebase.org/data/docs-ag-dok/Gruene%20Antworten_WPS_Dokumentarfilm%20Berlin-Brandenburg_AG%20DOK.pdf