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Die AG DOK trauert um Christian Doermer

Nachrufe und Erinnerungen von Thomas Frickel, Christoph Boekel, Maike Conway, Hans Albrecht Lusznat, Matti Bauer, Peter Heller, Fabian Hentzen und Peter Goedel

vom 01.08.2022

 

von Thomas Frickel,
AG DOK-Ehrenvorsitzender


Ein „Urgestein der AG DOK“ hat sein Sohn Philipp ihn genannt, und das trifft es recht gut, denn Christian Doermer hat sich dem Dokumentarfilmverband schon in den frühen 1980er Jahren angeschlossen und er blieb ihm bis ins hohe Alter hinein verbunden. Am 14. Juli 2022 ist Christian Doermer nun unweit seiner oberbayerischen Wahl-Heimat Samerberg verstorben. Er wurde 87 Jahre alt.

Dabei war sein Engagement in und für die AG DOK keineswegs selbstverständlich. Denn auch, wenn er in seiner Filmografie auf mehr als 60 Dokumentarfilme, Theateraufzeichnungen und Literaturverfilmungen verweisen konnte, kam Christian doch als „Seiteneinsteiger“ zum Dokumentarfilm. Seine eigentliche Profession war der Schauspielberuf. Sicherlich geprägt durch seine Mutter, die Schauspielerin und spätere Schauspiellehrerin Ruth von Zerboni, stand er schon früh vor der Kamera und stieg 1956 an der Seite von Horst Buchholz in dem Kult-Film „Die Halbstarken“ sogar zum Idol einer ganzen Generation auf. In der Folgezeit arbeitete er mit zahlreichen Regisseuren des so genannten „Jungen deutschen Films“ zusammen – so etwa mit Herbert Vesely in der Böll-Verfilmung „Das Brot der frühen Jahre“ oder in Peter Schamonis Langfilm-Debüt „Schonzeit für Füchse“ - und 1962 zählte er als einziger Schauspieler zu den Mitunterzeichnern des „Oberhausener Manifests“, das Papas Kino für tot erklärte. Dem politischen Kino immer verbunden, engagierte Christian sich in den Folgejahren wiederholt in der „Jury der Unterzeichner des Oberhausener Manifests“, die unter Deutschlands Film-Nachwuchs (leider oft vergeblich) nach bahnbrechenden Arbeiten forschte.

Obwohl man Christian Doermer immer wieder in durchaus bedeutenden Fernsehproduktionen sehen konnte (so unter anderem im Krimi-Mehrteiler „Das Halstuch“ nach Francis Durbridge oder in Historiendramen über Dietrich Bonhoeffer ebenso wie über den Hitler-Attentäter Graf Staufenberg, zwei Filme in denen er übrigens jeweils als Wehrmachts-General auftrat) - die wirklich tragenden Rollen blieben ihm oft versagt. Nicht ohne Grund würdigt Hanns-Georg Rodek ihn in seinem Nachruf in der „Welt“ als „einen der großen Übersehenen des deutschen Nachkriegsfilms“. Dass Christian Doermer aber auch Hauptrollen mit dem ganzen Gewicht und der beachtlichen Präsenz seiner eindrucksvollen Persönlichkeit ausfüllen konnte, bewies er unter anderem, als AG DOK-Kollege Peter Goedel ihm 1987 die Rolle des Bundestags-Abgeordneten Keetenheuve in der Verfilmung von Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“ antrug.

Wie Keetenheuve blieb auch Christian von privaten Schicksalsschlägen nicht verschont – mit seiner Frau, der 2010 an den Folgen ihrer Krebserkrankung verstorbenen Schriftstellerin Laura Doermer, trug er Verantwortung für einen schwerst epilepsiekranken Sohn – doch den Selbstzweifeln des Romanhelden und schlussendlich auch dem Scheitern gab Christian im persönlichen Bereich keinen Raum. Immer wieder rettete er sich in die Arbeit – sowie in große und kleine Fluchten. Die spektakulärste davon -die gemeinsame Hochzeitsreise- hat Laura in ihrem Buch „Verwehte Braut“ in Romanform gebracht: „Eigentlich sollte das Ziel der Reise Spanien sein. Dachte Mavie, doch Paul wollte einen kurzen Abstecher nach Marokko machen. Aus drei Tagen werden sechs Monate und aus Marokko wird der Kongo. Es ist das Jahr 1958 und das Reisegefährt ein weißer englischer Sportwagen, ein MG.“

Auch in seiner dokumentarischen Filmarbeit zog es Christian Doermer später weit über Grenzen des eigenen Horizonts - nach Afrika, nach Asien – seine Filme beleuchteten schon früh Probleme des Kolonialismus und des „clash of cultures“, wie man heute wohl sagen würde – bis hin zu seiner aufwändigen Arbeit über den deutschen Kolonial-Offizier Lettow-Vorbeck.

Aber auch mit Blick auf die medienpolitischen Entwicklungen im eigenen Land war er auf der Höhe der Zeit – zum Beispiel als Gründungsgesellschafter des maßgeblich von AG DOK-Mitgliedern geprägten Fensterprogramms „Kanal 4“ ebenso wie mit einer regionalen Hörfunk-Lizenz für das von ihm mitbegründete „Ensemble am Chiemsee“, auf der er zuletzt als Alleingesellschafter wöchentlich sonntags für eine Stunde kulturpolitisch interessante Fragen erörterte. Bei vielen Veranstaltungen und Situationen konnte man ihn auf der unermüdlichen Jagd nach Original-Tönen erleben.

Wie Christian Doermer das alles in Einklang brachte, was er alles parallel anschob und wie gut er tatsächlich vernetzt war, blieb selbst denen ein Rätsel, die ihn gut kannten, zumal er die Kunst der Selbst-Inszenierung wie kaum ein anderer beherrschte.

Und doch fand er bei all dem Zeit, sich als Doyen in die regionale AG DOK-Arbeit einzubringen. Für das Treffen der „Inselfilmer“, das er mit angeschoben hat, stiftete er augenzwinkernd den Filmpreis der „Güldenen Renke“, und wenn die AG DOK bei den in München stattfindenden Sitzungen der VG WORT Flagge zeigen musste, konnte man sich auf Christian hundertprozentig verlassen. In den letzten Jahren gab er den kantigen, vollbärtigen Individualisten. Etwas ruhiger vielleicht, aber noch immer voller Ideen, gewürzt mit dem ihm eigenen Schuss Selbstironie. Er wird uns fehlen.

Thomas Frickel

Christian Doermer (li.) im Jahr 2011 bei den Dreharbeiten zu Thomas Frickels Film "Mondverschwörung" - zusammen mit Dennis Mascarenas. 
Foto: Thomas Frickel

 

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Die Inselfilmer trauern um Christian Doermer, 1935-2022

Schauspieler, Filmemacher, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor - all das war Christian Doermer. Wir Inselfilmer haben Christian besonders auch als einen der Unseren kennen gelernt. Als Dokumentarfilmer und bedingungslosen Liebhaber dieses Genres, das wir seit über zwanzig Jahren auf der Fraueninsel im Chiemsee sowohl sezieren als auch kultivieren. Nicht zuletzt dank seines Engagements und seiner Inspiration bekam diese Veranstaltung der AG DOK Bayern eine besondere Klangfarbe. In den folgenden Texten erinnern sich Inselfilmer an Christian Doermer, mit dem wir einen liebenswerten Querkopf verlieren:

„Die Insel. Christian Doermer hat sie entscheidend geprägt. Vorgeschichte: Ende der 1990er Jahre war die bayerischer Sektion der AG DOK auf einem Tiefpunkt, der Vorstand brachte keine Initiativen ein, es gab so gut wie keine Treffen mehr, und somit auch keinen Austausch unter den Mitgliedern: Stillstand. Ein neuer Vorstand brachte frischen Wind in die Segel, organisierte wieder regelmäßige monatliche Treffen und Veranstaltungen zur beruflichen Weiterbildung und Initiativen verschiedenster Art. Es wurde beschlossen, sich wenigsten einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Wochenende zu treffen, um sich gegenseitig eigene Filme vorzustellen und zu diskutieren.
Aber wo? Christian, langjähriges AG DOK Mitglied, nahe des Chiemsees beheimatet, schlug die Benediktinerinnen-Abtei Frauenwörth auf der Fraueninsel vor, die in ihrem Betrieb Übernachtungszimmer und Seminarräume zur Verfügung stellt. Er kannte die Leiterin der Gästebetreuung, Soeur Scholastika, stellte den Kontakt her, und so fand im November 2000 unter dem Motto 'Und ab auf die Insel' das erste Treffen der Bayerischen DokumentarfilmerInnen auf dem Chiemsee statt. 22 Personen, für deren gutes Benehmen und Einhaltung der Klosterregeln sich Christian verantwortlich fühlte. Er sorgte für eine gemeinsame Vorstellungsrunde, eröffnete und leitete die Diskussionen, sein charmantes und ausgleichendes Wesen brachte ihm die liebenswürdige Bezeichnung 'Alterspräsident' ein; diskutiert wurde stets 'hart, aber fair'.
In den folgenden Jahren gab Christian immer wieder Impulse und entwickelte Ideen, er setzte Margen. So die vorläufige Ermittlung, wie ein gezeigter Film angekommen war: er brachte Glasmurmeln mit, in einen Pappkarton wurden sechs Löcher geschnitten, Becher darunter, jedes Loch für einen Bereich: Kamera, Ton, Musik, Dramaturgie, Idee, Protagonisten. Jeder erhielt vier Murmeln. Das sich daraus ergebende Stimmungsbild präsentierte Christian mit schauspielerischem Gestus, um dann das Filmgespräch zu eröffnen. Das Murmelspiel hat sich bis heute bewährt und erhalten.
Christian hat auch eine Art Wettbewerb mit Preis eingeführt (den er stiftete), womit zunächst nicht alle einverstanden waren: die 'Güldene Renke', ein Schlüsselanhänger mit einer metallenen Renke aus dem Klosterladen. Nach dem letzten Film der Veranstaltung befragte er jeden Teilnehmer einzeln und verdeckt, welcher für ihn der beste Film gewesen sei. Nach dem Mittagessen dann die Preisverleihung, die Christian wie in Hollywood inszenierte, die Spannung hochtreibend. Auch die Verleihung der Renke gehört zum festen Ritual des jährlichen Treffens. Wer wird nun diesen Preis stiften?
Christians guter Geist wird die kommenden Veranstaltungen der Inselfilmer begleiten.“
Christoph Boekel

 

„Vor ungefähr zwanzig Jahren lernte ich Christian Doermer bei der Veranstaltung der AG DOK Inselfilmer auf der Fraueninsel kennen. Als junge Filmemacherin zeigte ich damals meine erste Lebenslinie (BR 45min) und erhielt dafür die Güldene Renke´, eine Erfindung, die Christian Doermer ins Leben gerufen hatte. Das Zusammenspiel dieser lieben Geste – eine kleine Fischkette zu organisieren und zu verleihen – und seine Ansprachen, war schon etwas Besonderes und hat mich auf meinem weiteren Weg gestärkt. Er war ein Entertainer, der die kleinen Dinge im Leben kostbar machen konnte.“
Maike Conway

 

„Es war ein grauer, schon dämmernder Freitag Nachmittag im November 2001, genau genommen der sechzehnte, am Steg im Hafen von Gstadt, als ich das erste Mal Christian Doermer und seiner Frau, der Schriftstellerin Laura Doermer begegnete. Die beiden „Alten“ , so habe ich sie wahrgenommen - er war da 66 Jahre - schleppten Ausrüstungsteile auf den Steg, die es für die Veranstaltung der Inselfilmer auf der Fraueninsel brauchte. Wir warteten auf das Fährboot. Zehn Filme standen auf dem Programm und Christian Doermer zeigte als vorletzter ein Fragment, ein Bruchstück, zusammengeschustert aus Teilen alter Filme, in denen er mitgespielt hatte, 25 Minuten lang unter dem Titel „Ich oder Nich“, die Bestandsaufnahme eines Begriffs. Zunächst waren alle ratlos: das sollte ein Film sein? Alles bis dahin gezeigte hatte Titel vorne und hinten, war 10, 30, 45 oder 90 Minuten lang und eindeutig für eine Verwertung entstanden. Christians Film bestand aus Ausschnitten, in denen er selbst in diversen Spielfilmen zu sehen war und sich die Dialoge um das „Ich“ drehten. In jedem Satz kam ein Ich vor. Das war lange vor der Zeit der Selfies und Youtuber und hatte eine künstlerische und philosophische Dimension. Dieser Film ist mir als einziger klar in Erinnerung geblieben und immer wenn Christian Doermer in den folgenden Jahren bei den Inselfilmern etwas zeigte, schwang diese avantgardistische Kreativität mit, die das enge Verwertungsgefüge der anderen Filme aufbrach und zeigte, wie man mit Unvollkommenheit Denk- und Diskussionsprozesse anstoßen kann.“
Hans Albrecht Lusznat

 

„Als ich Christian bat, eine Inhaltsangabe zu seinem Film „Ich oder Nich“ zu schreiben, weil ich den Text in die Ankündigung zu den Inselfilmern einfügen wollte, sandte er mir kurzerhand ein abgewandeltes Zitat von Matthias Claudius zu, das mich damals etwas ratlos machte, heute aber umso mehr berührt: "Der Mensch, er kommt, schaut, geht vorüber." Danke Christian, dass du auch bei uns vorbeigeschaut hast!
Matti Bauer

 

„Die Berge haben mich zu Beginn der Achtziger mit Christian zusammengebracht. Und die gemeinsame Liebe zu Afrika war´s. Bei ihm und seiner wunderbaren Frau Laura wurde aus der Hochzeitsreise zum Ende der Fünfziger Jahre eine Entdeckerfahrt in den Kongo. Mich hatte erst das Sendungsbewußtsein der 68er auf den „Schwarzen Kontinent“ unserer dunklen Vergangenheit getrieben. Die Widersprüche des Kolonialismus hatten uns beide, Christian und mich bewegt. So trafen wir uns im Bergland am Inntal gerne. Christian machte auch Projektfilme für die „Entwicklungshelfer“ – ich so mehr dagegen. Wir haben uns gegenseitig ironisch provoziert, sanft gerupft und schmunzelnd verstanden. Mein von ihm erwünschter Beistand zu seinem Filmprojekt über den deutschen „Kolonialhelden“ Lettow-Vorbeck musste an unseren eigenen Strategien der persönlichen Durchsetzung scheitern – denn teamfähig war er wohl kaum mein Christian.
Er stand immer mit einem Bein in München-Maxvorstadt und mit dem anderen im Chiemgau.
Und so kam es, dass seine Nähe zur Landschaft und den Menschen dort uns, die Filmer der AgDokumentarfilm, zu jener wunderbar starken Klosterfrau und Powerschwester Scholastika auf die Insel in das alte Kloster führte und leitete. Für mich, Sylvie – meine Frau und die kleine Tochter Mirya, für einen kurzen Moment im Jahr immer ein gut gelebter Rückzugsort. Denn Jahr für Jahr mussten wir alle mit dem kleinen Stück Land auf Wasser auskommen. Der angemuffte Lesesaal des Klosters mit Friedhofsblick wurde der Raum für stille Konzentration, Nähe und Austausch unter uns Filmern - die sonst untereinander eher nur Konkurrenz und Neid treibt. Und der alternde Doermerchristian sah zu, oft still lächelnd, gerecht, hielt Wache. Natürlich wurde er zu unserem „Präsidenten auf Zeit“. Die Pandemiejahre haben in unsere Neigung, Beziehung und Anziehung eine harte Lücke gerissen. - Und Christians Tod nun erst recht.“
Peter Heller

 

„Er hat uns zu „ Inselfilmern“ gemacht. Christian hat die Dokumentarfilmer aus München auf die Insel im Chiemsee gebracht und dort verankert. Immer war er Teilnehmer und Mitgestalter, war Jury und Moderator der Preisverleihung. Seine Laudatios über die Runnerups und die Siegerfilme waren charismatisch und immer besonders. Seine Einwürfe bei den Filmbesprechungen haben oft nochmal eine neue Perspektive, einen unerwarteten Blick auf unsere Filme geworfen. Christian war eine Seele der Inselfilmer. Sie fehlt uns.“
Fabian Hentzen
ist seit vielen Jahren der Produktionsleiter unserer Filmklausur im Kloster der Benediktinerinnen

 

Christian Doermer am Landesteg zur Fraueninsel.
Foto: Hans Albrecht Lusznat
Christian Doermer moderiert im Lesesaal des Klosters. 
Foto: Hans Albrecht Lusznat

 

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Christian Doermer, mein Held, mein Keetenheuve!

Erinnerungen von Peter Goedel

Mit tiefer Trauer habe ich vernehmen müssen, dass mein Hauptdarsteller in der Koeppen-Verfilmung „Das Treibhaus“ nicht mehr unter uns ist. Wie oft haben wir gemeinsam diesen Film vorgestellt? Ein letztes Mal war es im Januar 2020 in der Evangelischen Akademie in Tutzing vorgesehen. Christian war ebenfalls eingeladen, aber am Morgen der Vorführung hat er mich angerufen, um mir mitzuteilen, dass es ihm nicht so gut ginge. Er würde die Anfahrt nach Tutzing scheuen. Wir haben länger telefoniert, vor allem nach der Vorführung. Er wollte natürlich wissen, wie das Publikum diesen Film aufgenommen hat. Eigentlich wie immer. Sehr sehr gut. Diese Geschichte um Keetenheuve, einem Abgeordneten der frühen Jahre der BRD, bleibt von erstaunlich brisanter Aktualität. Auch fast 70 Jahre nach Erscheinen des Buches.
Für Christian war diese Figur des Keetenheuve in seinem Leben immer von ganz ganz großer auch persönlicher Bedeutung.
Bei einer Drehpause vor dem damaligen Bundestag in Bonn standen wir vor dem Kiosk, das dem Eingang gegenüberlag und das jeweils von Abgeordneten und Verwaltungsangestellten genutzt wurde. Da begann er von seinen Erfahrungen aus der Nazizeit und den ersten Jahren nach dem Krieg zu erzählen. Wir haben sofort die Kamera eingeschaltet. Es wurde ein denkwürdiger Auftritt von Christian Doermer. Er erzählte von seiner Kindheit im Faschismus, vom Krieg und der Nachkriegszeit. Er steigerte sich in größte Erregung, als er von den Wehrdebatten berichtete, die er noch als KInd von knapp 10 Jahren erlebt hatte. Er war ja damals in Bonn zu Hause. Genau das Thema des Romans. Und er sprach von dem größten GAU der Politik, als es erst hieß: Nie wieder Waffen! Und plötzlich von Adenauer im Verbund mit den Westalliierten die Debatte angestoßen wurde. Die Wiederbewaffnung stand plötzlich im Raum. Die Empörung in seiner Generation war riesig. Dass wir dieses persönliche Statement eingefangen und in einem Film, den ich zur Fernsehausstrahlung 1989 im Auftrag des WDR über das Treibhaus-Buch realisiert hatte (Gespanntes Verhältnis – Literatur und Politik im ‚Treibhaus‘ Bonn), der Nachwelt erhalten konnte. Ein Schatz. Christian Doermer – schon als Kind ein politisch wacher Geist.

Kennengelernt habe ich ihn, glaube ich, so ca. 1983 bei einem Treffen der AG DOK in München. Damals wohl im Hinterzimmer von Heppel & Ettlich, wo wir des Öfteren tagten. Ich hatte zu dieser Zeit die Idee entwickelt, Koeppens Roman zu verfilmen, der mich seit den Tagen der Studentenbewegung aufgewühlt hatte. Mit Hilfe der Literaturredaktion des WDR, insbesondere des Redakteurs Christhart Burgmann, dem ich so viel zu verdanken habe, ist es schließlich gelungen. 1985 konnten wir mit den Vorbereitungen starten.
Die Suche nach einer Besetzung für diese Hauptfigur eines Abgeordneten erwies sich als nicht so leicht. Einen Schauspieler zu finden, der diese Rolle auch intellektuell verkörpern konnte und dem man sie auch abnahm. Nicht einfach. Der Knoten löste sich, als ein Mann in die Runde der AG DOKler trat, heller Trenchcoat, etwas verwilderte Haare, leicht dicklich. Gut in den Vierzigern. Also genauso, wie Koeppen seine Hauptfigur beschrieben hatte. Ich dachte, das ist er. Ohne in diesem Moment zu wissen, wer das war. Bis ich dann erfuhr, als er sich vorstellt, es ist der Christian Doermer, der Jungstar aus den Anfangszeiten des Aufbruchs im deutschen Film, „Das Brot der frühen Jahre“, davor „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz, „Flucht nach Berlin“, ebenfalls von Will Tremper. Ein Unterzeichner des Oberhausener Manifests. Als einziger Schauspieler. Also genau derjenige, der eine solche Figur wie den Abgeordneten Keetenheuve glaubwürdig vertreten könnte. Aber in aktuellen Produktionen hatte ich ihn nicht mehr erlebt und keine Ahnung, ob er überhaupt noch spielen wollte. Ich sprach ihn an, erzählte ihm von Koeppen und dieser Geschichte um einen Abgeordneten der frühen Stunde in der BRD. Er hörte zu und war sofort Feuer und Flamme.
Der Herstellungsleiter, den ich für diese Produktion engagiert hatte, riet mir sogleich ab, als ich ihm sagte, den Abgeordneten solle Christian Doermer spielen. Für meinen Herstellungsleiter undenkbar. Doermer sei in der Branche bekannt dafür, dass es schwierig wäre, mit ihm zu arbeiten. „Da handeln wir uns nur Probleme ein. Lass uns weitersuchen.“ Aber ich war felsenfest von ihm überzeugt. Ich ließ mich nicht beirren.
Die finanziellen Verhandlungen liefen. Es ging ein bisschen hin und her. Mit einer Teilrückstellung seines Honorars konnten wir endlich alles festmachen. Dass er auch später, immer wenn wir uns trafen, darauf zurückkam und meinte, noch Gelder zu bekommen, auch wenn er wusste, dass dieser Film nicht das eingespielt hat, was wir erwartet hatten. Auch das war Christian. Ein Mensch, der immer genau hinschaute, ob noch irgendwo ein Geld aufzutreiben wäre. Aber es hat unsere Beziehung nie getrübt.
Beim Dreh erlebte ich dann einen äußerst entspannten Menschen, der in den Drehpausen in seinem Wohnwagen, den er unbedingt wollte, Studenten und Studentinnen empfing, um über Mietverträge zu verhandeln. Er besaß ein größeres Haus von Großmutters Seite in Bad Godesberg in der Kirschallee mit einigen Appartements und Wohnungen. Sobald aber der Dreh anstand und er zum Set gebeten wurde, sprang er in seine Rolle und spielte den Keetenheuve, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Sogleich danach gingen die Gespräche mit seinen möglichen Mietern weiter. Eine Professionalität, die beeindruckend war.
Bei der Bundesfilmpreisverleihung, zu der unser Film 1988 eingeladen war, war er neben der Auszeichnung des Films auch für die Auszeichnung als bester Schauspieler in der engsten Auswahl. Letztlich musste er jedoch Michel Piccoli aus der Schnitzler-Verfilmung „Das weite Land“ von Luc Bondy den Vortritt lassen. Sein intensives Spiel mit dem Text aber war einfach genial. Ich hatte ja die Idee gehabt, den Roman nicht in Spielszenen aufzulösen, wie sonst üblich in Literaturverfilmungen, sondern wollte dem literarischen Text seinen eigenen Raum lassen. So haben wir in allen Szenen mit Christian den Koeppentext (von mir gesprochen) jeweils eingespielt, auf den er bei den Aufnahmen mit kleinsten Regungen seines Gesichts reagierte. Einfach großartig!
Dass er selbst auch Filme gemacht hat und machte, einen Fernsehsender im Chiemgau betrieb, in den Gesprächsrunden bei den Inselfilmern der AG DOK eingebunden war und viele Anstöße gegeben hat, in so vielen Bereichen so rührig war, habe ich erst im Lauf der Zeit entdeckt. Lieber Christian, Du wirst fehlen. Nicht nur mir. Was für ein Glück, dass es im Treibhaus-Film diese Figur des Keetenheuve weiterhin geben wird. So lebst Du weiter. Danke.

Christian Doermer mit Peter Goedel 1986 während der Dreharbeiten zu "Treibhaus".
Foto: privat

 

 

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